Zum Inhalt springen

Achtsam leben: Das spirituelle Super-Ich in uns

    Achtsam leben: Das spirituelle Super-Ich in uns

    19/03/2026

    Die eigene Unvollkommenheit in der Vollkommenheit akzeptieren

    Ich erinnere mich an eine Phase in meinem Leben, die mich tief geprägt hat. Es war ein halbes Jahr, in dem ich mit hartnäckigen Schulterschmerzen kämpfte. In dieser Zeit versuchte ich alles, was mir empfohlen wurde, um die Schmerzen zu lindern. Physiotherapie, Akupunktur, Yogatherapie, Traditionelle Chinesische Medizin – ich ging von einer Methode zur nächsten und gab jeder Behandlung mehrere Monate Zeit, um Wirkung zu zeigen. Doch leider ohne bleibenden Erfolg. Die Schmerzen blieben und zehrten an meiner Lebensqualität. Als ich schließlich eine Osteopathin aufsuchte, sagte sie nach drei Behandlungen: „Du brauchst ein MRT. Ich kenne meine Methode gut, aber wenn nach drei Behandlungen keine Besserung eintritt, dann ist sie nicht der richtige Weg für dich.“

    Diese Klarheit und ihre Fähigkeit, ihre eigene Grenze nach einer so kurzen Behandlungszeit zu erkennen und zu äußern, waren für mich ein richtiger Wendepunkt. Es war nicht nur ihre fachliche Kompetenz, die mich beeindruckte, sondern vor allem ihr Mut und ihre Demut, ihre eigenen Grenzen anzuerkennen. Statt einfach weiterzumachen, stellte sie sich selbst die Frage, ob ihre Methode der richtige Ansatz für mich war. Dieser Moment hatte für mich eine tiefere Bedeutung. Ich begriff noch einmal neu in der Tiefe, dass es auch in der Arbeit mit anderen Menschen wichtig ist, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Meditation, Yoga und andere spirituelle Praktiken sind wunderbare Werkzeuge für Heilung und persönliche Entwicklung, aber sie können auch ein falsches Bild von uns selbst erzeugen, wenn wir nicht achtsam auf unsere eigenen Grenzen und unserer Klienten und Patienten achten. Manchmal ist es notwendig, über den Tellerrand hinauszublicken und eine tiefere therapeutische Begleitung zu suchen oder einen anderen Weg als den eigenen zu empfehlen, um wirklich heil zu werden.

    Die Notwendigkeit eines stabilen Ichs

    Meine eigene Reise in Richtung Selbstakzeptanz und Heilung begann während der Begegnung mit der Osteopathin auch in anderen Bereichen. Ein halbes Jahr zuvor war eine schwere Angsterkrankung bei mir ausgebrochen. Die hob mein ganzes Leben und die Identifikation mit meinem Ich ziemlich aus den Angeln. Meine Freundin, eine erfahrene Psychologin, riet mir von Anfang an, eine fundierte Therapie zu beginnen. Doch ich, die ich mich damals stark von spirituellen Praktiken leiten ließ, dachte, dass ich es mit Yoga, Homöopathie und buddhistischer Psychologie in einem Retreat allein schaffen würde. Ich war überzeugt, dass ich alles auf dem spirituellen Weg überwinden konnte. Schließlich interessierte ich mich mehr für die Überwindung des Ichs als für die Aufarbeitung frühkindlicher Verletzungen.

    Doch was ich nicht verstand, war, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand befand, in dem mein Nervensystem bereits extrem dysreguliert war. In solchen Momenten brauchte es eine professionelle therapeutische Begleitung, die mir half, meinen Körper zu erden, mein Nervensystem zu beruhigen und mein Ich zu stabilisieren und mich in einem sicheren Rahmen auf den Weg der Heilung zu begeben. Ich brauchte eine klare Abgrenzung zwischen Privat- und Berufsleben, die auf Vertrauen und Respekt basierte. Es war eine Lektion, die mich mein weiteres Leben begleiten sollte.

    Das spirituelle Super-Ich

    Im Laufe der Jahre begegnete mir immer wieder ein bestimmtes Phänomen in der spirituellen Szene: Menschen, die im Schnelldurchlauf unreflektiert ein „höheres Selbst“ anstrebten und das „Ich“ überwinden wollten, um im Einklang mit dem Universum zu leben. Der Wunsch, das eigene Ego von hier auf jetzt hinter sich zu lassen und in die totale Einheit mit allem zu verschmelzen, kann eine sehr verlockende Vision sein. Doch insbesondere bei Menschen, deren Ich-Struktur instabil ist oder die mit tiefen Traumata kämpfen, zeigt sich, dass sie oft in die Falle tappen, ein „spirituelles Ich“ zu entwickeln.

    Dieses „spirituelle Ich“ oder „totale Transformation“, wie sie gerne in Seminaren beworben wird, ist eine falsche Identifikation eine Vorstellung von sich selbst, die sich über das höhere Selbst erhebt, aber dennoch auf einer instabilen Grundlage steht.

    Spirituelle Praktiken können eine enorme Heilungskraft entfalten, aber gerade die Gefahr besteht darin, sich hinter einer spirituellen Maske zu verstecken. So entsteht der Eindruck, man wäre „weiter“ oder „erleuchtet“, während in Wirklichkeit noch viel Integrationsarbeit erforderlich ist. Die wahre Weisheit im Yoga liegt nicht darin, das Ich einfach zu überwinden, sondern es in einem gesunden und stabilen Zustand zu integrieren. Es braucht Zeit, Geduld und Demut, um diese Erkenntnis zu erlangen. Dies ist eine wichtige Lektion, die ich auch immer wieder für mich persönlich und in meiner Arbeit mit anderen Menschen erfahre.

    Abhängigkeit und ihre tiefere Bedeutung

    In meiner Arbeit begegnete mir eine Teilnehmerin, die eine Geschichte erzählte, die mir sehr ans Herz ging. Sie berichtete, dass sie über Jahre hinweg Migränemittel genommen hatte, um die starken Schmerzen zu lindern, die sie regelmäßig quälten und arbeitsunfähig machten. Sie wusste jedoch nicht, dass diese Medikamente eine Abhängigkeit erzeugen können. Sie dachte, sie bräuchte die Tabletten einfach, um die Schmerzen ertragen zu können. Erst als sie begann, unter ärztlicher Aufsicht die Medikamente auszuschleichen, konnte sie sich den tieferen Ursachen ihrer Beschwerden stellen. Sie begann, den wahren Ursprung ihrer Migräne zu erforschen – emotional und körperlich – und erlebte eine nachhaltige Heilung.

    Schmerzmittel und Psychopharmaka blockieren oft die Fähigkeit des Körpers zur Selbstregulation. Diese Medikamente können das Nervensystem langfristig destabilisieren und die Symptome nur oberflächlich behandeln, ohne die tieferliegenden Ursachen anzugehen. Hier zeigt sich, wie gefährlich es sein kann, sich auf schnelle Lösungen wie Medikamente zu verlassen, ohne sich der tieferen Ursachen bewusst zu werden. Die medizinische Versorgung kann in solchen Fällen hilfreich sein, aber sie muss immer in Kombination mit einem integrativen Ansatz erfolgen, der auch die emotionalen und psychologischen Ebenen mit einbezieht. Selbstverständlich gibt es Tabletten, die genommen werden müssen, damit Psychosen etc. verhindert werden. Unterscheidungsvermögen ist also auf so vielen Ebenen erforderlich.

    Internetsucht – auch Yogis sind nicht gefeit

    In der heutigen Zeit ist nicht nur die Abhängigkeit von Medikamenten ein Thema, das mir oft begegnet. Auch eine andere, oft unsichtbare Abhängigkeit hat sich in den letzten Jahren massiv ausgeweitet: die Sucht nach Bestätigung und Anerkennung über soziale Medien. Diese Sucht betrifft nicht nur Menschen in der breiten Gesellschaft, sondern auch in der spirituellen Community. Gerade in der Welt des Yoga gibt es enormen Druck, ein „perfektes Bild“ von sich selbst zu zeigen. Selfies in Asanas, tiefgründige Zitate, inspirierende Videos, all dies wird oft auf sozialen Plattformen geteilt, um Bestätigung durch Likes und Kommentare zu erhalten.

    In der spirituellen Szene kann dieser Drang nach Anerkennung besonders problematisch sein. Yoga soll uns helfen, innerlich zu wachsen, Frieden und Akzeptanz zu finden. Doch anstatt diese Werte zu verkörpern, werden sie oft durch die Jagd nach äußerer Bestätigung ersetzt. Yogis, die ihre Praxis öffentlich machen, geraten oft in die Falle, sich selbst in den sozialen Medien ständig neu zu inszenieren. Die Anerkennung von außen wird zur Hauptquelle ihres Selbstwertgefühls. Doch diese Sucht nach Anerkennung ist nicht weniger destruktiv als die Sucht nach Drogen oder Medikamenten. Sie blockiert den Zugang zur wahren inneren Freiheit und führt zu einer Entfremdung von sich selbst.

    Auch hier ist es entscheidend, sich dieser Dynamik bewusst zu werden. Die Jagd nach Likes und Bestätigung kann den inneren Frieden stören und den Zugang zur authentischen Selbstwahrnehmung blockieren. Yoga und Meditation sind nicht nur dazu da, das Bild nach außen zu verschönern, sondern sollen uns dabei helfen, unser Inneres zu reinigen und in Frieden mit uns selbst zu kommen – unabhängig von äußerer Anerkennung.

    Keine schnelle Lösung

    Der Weg zur Ich-Stabilisierung ist selten kurz oder einfach. Heilung braucht Zeit und Geduld. Die Versuchung, schnelle Lösungen zu finden, sei es in Form von Medikamenten, äußerer Bestätigung oder schnellen spirituellen Durchbrüchen ist groß. Doch die wahre Weisheit im Yoga und in der therapeutischen Arbeit zeigt sich gerade darin, dass es keine Heilung über Nacht gibt, wenngleich natürlich Spontanheilungen immer wieder möglich sind. Meistens jedoch ist der Weg zur Heilung ein langfristiger Prozess. Auch das „spirituelle Ich“ kann uns in die Falle führen, uns für „weiter“ oder „erleuchtet“ zu halten, aber genau dort zeigt sich oft, dass noch viel Integrationsarbeit notwendig ist.

    Und am Ende können wir in manchen Augenblicken erkennen, dass wir vollkommen sind und es gar keine Heilung braucht. Was für ein Paradox das menschliche Dasein doch ist.