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Achtsam leben: Wenn Funktionieren nicht mehr reicht. Die um sich greifende Überforderung unserer Zeit

    Doris Iding - MBSR Kurs

    Achtsam leben: Wenn Funktionieren nicht mehr reicht.

    Die um sich greifende Überforderung unserer Zeit

    19/03/2026

    Du bist nicht alleine

    Ich begegne immer wieder Menschen, die mit genau demselben Gefühl zu mir kommen. Sie setzen sich mir gegenüber und sagen Sätze wie: „Ich bekomme mein Leben gerade nicht richtig hin“ oder „Ich müsste doch eigentlich viel mehr schaffen.“ Oder „Ich könnte nur noch schlafen.“….

    Dieses Gefühl wundert mich nicht, besonders nicht in der jetzigen Zeit.

    Denn fast immer liegt unter diesen Worten etwas ganz anderes. Weder Faulheit noch fehlende Disziplin, sondern eine tiefe, oft stille Überforderung.

    Ich sehe Menschen, die funktionieren. Die ihren Alltag bewältigen, Termine einhalten, Verantwortung tragen. Und gleichzeitig sind sie innerlich erschöpft. Sie sind nicht nur müde, sondern auf eine Weise leer, die sich schwer in Worte fassen lässt. Es ist diese Art von Müdigkeit, die sich nicht ausschlafen lässt.

    Was stimmt mit mir nicht?

    Viele beschreiben mir, dass ihr Kopf abends nicht zur Ruhe kommt. Dass Gedanken kreisen, dass sie alles noch einmal durchgehen, was war oder was kommen wird. Und irgendwann taucht fast immer dieser eine Gedanke auf: „Was stimmt eigentlich nicht mit mir?“

    Gerne lade ich diese Menschen dann ein, gemeinsam einen Moment innezuhalten. Denn aus meiner Sicht ist die entscheidende Frage nicht, was mit diesen Menschen nicht stimmt, sondern was sie alles tragen. Und ob nicht die Gesellschaft an sich krank ist. In solchen Momenten empfehle ich auch gerne immer wieder das Buch „Vom Mythos des Normalen“ von Dr. Garbor Maté.

    Ruhelose Zeiten

    Wir leben in einer Zeit, in der das Nervensystem kaum noch zur Ruhe kommt. Reize sind ständig da. Erwartungen auch. Und oft gibt es kaum noch Räume, in denen wirklich verarbeitet werden kann, was wir täglich erleben.

    Viele versuchen, darauf mit noch mehr Anstrengung zu reagieren. Sie wollen sich besser organisieren, disziplinierter sein, mehr an sich arbeiten. Und ich kann diesen Impuls gut verstehen. Er wirkt zunächst logisch. Aber in den meisten Fällen führt er nicht zu mehr Ruhe, sondern zu noch mehr Druck.

    Ich erlebe oft, dass Menschen versuchen, ein sehr tiefes inneres Thema mit äußeren Strategien zu lösen. Sie verändern ihr Verhalten, optimieren ihren Alltag, setzen sich neue Ziele und wundern sich, warum sich trotzdem nichts Grundlegendes verändert.

    Was dabei häufig übersehen wird, ist etwas sehr Einfaches und gleichzeitig sehr Wesentliches: Es fehlt nicht an Wissen, es fehlt an Verbindung. Verbindung zu sich. Zu den eigenen Gefühlen, zu dem, was im Inneren wirklich da ist. Zur eigenen Quelle.

    Denn erst wenn diese Verbindung wieder entsteht, verändert sich auch etwas im Außen, weil wir dann nicht aus einem gesellschaftlichen Druck heraus agieren sondern aus einem inneren Verstehen und aus einem inneren Sein.

    Ich erlebe in meinen Begleitungen immer wieder, wie ungewohnt es für viele Menschen ist, überhaupt einmal wirklich innezuhalten. Nicht, um etwas zu erreichen oder zu verbessern, sondern einfach, um wahrzunehmen: Wie geht es mir gerade eigentlich wirklich? Die meisten Menschen, mit denen ich arbeite, gönnen sich häufig nicht mehr als 10 Minuten Meditation am Morgen. Dieses kurze Zeitfenster wird dann mehr oder weniger als ein weiterer To-Do-Punkt in die Tagesstruktur hinein gequetscht.

    Was zählt?

    Die Frage, was mir wirklich wichtig ist, wirkt auf den ersten Blick schlicht. Und doch führt sie oft an einen Punkt, den viele lange umgangen haben. Manchmal ist da Unruhe. Manchmal Traurigkeit. Manchmal auch einfach Leere. Und genau hier wird es spannend, wenn wir uns trauen, diese Leere auszuhalten. Denn diese Leere kann ein Nadelöhr zu uns selbst werden.

    Gleichzeitig sehe ich, wie schwierig es sein kann, diesen Kontakt im Alltag aufrechtzuerhalten. Die meisten Menschen sind eingebunden in Strukturen, Verpflichtungen und Ablenkungen. Und so gehen diese Momente des Innehaltens oft genauso schnell wieder verloren, wie sie gekommen sind.

    Deshalb entsteht in meiner Arbeit immer wieder die Erfahrung, wie hilfreich es sein kann, dafür einen bewussten Raum zu haben. Einen Raum, in dem nichts geleistet werden muss. In dem nichts bewertet wird. In dem alles da sein darf.

    Verbundenheit erfahren

    Nicht, weil man es alleine nicht könnte, sondern weil es leichter wird, wenn man nicht alleine darin bleibt. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht. Und ich habe lange gebraucht, bis ich verstanden habe, wie wertvoll ein Gegenüber, eine Gruppe oder ein Kreis von Gleichgesinnten oder Weggefährten hier sein kann. Ich sehe darin übrigens auch ein wichtiges Merkmal der Neuen Zeit: Wir sind eine Weltenfamilie und tun gut daran, wenn wir uns dessen bewusst sind.

    Wir müssen nicht länger als Einzelkämpfer agieren und auch nicht alleine in einer Höhle meditieren.

    Vielleicht ist das einer der wichtigsten Gedanken, den ich weitergeben möchte: Viele Menschen glauben, sie müssten da alleine durch. Dass sie erst funktionieren müssen, bevor sie sich Unterstützung erlauben. Dass sie stark genug sein sollten, um das selbst zu klären.

    Ich sehe das anders. Für mich ist es kein Zeichen von Schwäche, innezuhalten oder sich begleiten zu lassen. Im Gegenteil – es ist oft der Moment, in dem sich zum ersten Mal wirklich etwas verändern kann.

    Nicht durch noch mehr Anstrengung, sondern durch ein ehrliches Hinwenden zu sich selbst.

    Und vielleicht beginnt genau das mit einer ganz einfachen Erkenntnis: Du bist überfordert. Und Du bist nicht alleine.

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