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Dr. Gerald Hüther im Interview: Wann ist ein Mann ein Mann?!

    Dr. Gerald Hüther im Interview: Männer ……

    09.04.2026

    Wann ist ein Mann ein Mann?

    Fragen an Gerald Hüther: Herbert Grönemeyer fragt in seinem Lied „Männer“: Wann ist ein Mann ein Mann? Welche Antwort kam Ihnen in den Sinn, als Sie das Lied gehört haben?

    Gerald Hüther (GH): Das für mich Interessanteste am Mannsein besingt Grönemeyer ja selbst in diesem Lied: „Männer werden als Kind schon auf Mann geeicht“. Manche werden großmäulige Muskelprotze, manche aber auch so liebevolle Männer, wie sie Milva in ihrem Lied besungen hat: „Du zeigst mir immer, dass es möglich ist, ganz Frau und trotzdem frei zu sein.“  Und dann kommt auch von ihr derselbe Hinweis wie bei Grönemeyer: „Wer wird als Frau denn schon geboren? Man wird zur Frau doch erst gemacht“. Was mir also in den Sinn kam war die Erkenntnis, dass es offenbar etwas mehr als das Geschlechtsteil ist, was einen Menschen zu einem Mann oder zu einer Frau macht.

    Sein Lied ist 1984 erschienen. In der Zwischenzeit sind viele Forschungen gemacht worden. Auch über das Gehirn von Männern und Frauen. Was wissen Sie heute mehr über darüber, wie Männer funktionieren als 1984?

    GH: Von den Hirnforschern sind seitdem sehr viele Unterschiede in der Ausformung und Größe einzelner Hirnbereiche gefunden worden. Manche lassen sich darauf zurückführen, dass ja schon im Fötus unterschiedliche Konzentrationen von männlichen und weiblichen Sexualhormonen im Blut zirkulieren. Gebildet werden sie von den Geschlechtsorganen, Testosteron in den Hoden und Östrogene in den Eierstöcken. Diese Hormone gelangen auch in das Gehirn und beeinflussen dessen weitere Entwicklung schon vorgeburtlich so, dass manche Bereiche stärker und früher, andere schwächer oder langsamer herausgeformt werden. Deshalb haben männliche Neugeborene schon ein etwas anderes Gehirn als Weibliche. Je nachdem, wie groß diese Unterschiede sind, verhalten sie sich deshalb auch schon von Anfang an unterschiedlich. Anschließend werden Sie „erzogen“ und dabei passiert dann mehr oder weniger ausgeprägt das, wovon Grönemeyer und Milva gesungen haben. 

    Was sollten Männer unbedingt über die Funktionsweise ihres eigenen Gehirns wissen?

    GH: Es wäre sicher hilfreich, wenn alle Männer wüssten, dass ihr Gehirn genauso gut (oder schlecht) funktioniert wie das von Frauen, nur eben etwas anders. Und wie anders, hängt eben davon ab, welche Hormonkonzentrationen ihr Gehirn schon vorgeburtlich durchspült haben und was für Vorstellungen sie von anderen, meist ihren Eltern, davon übernommen und sich in ihr eigenes Gehirn eingebaut haben, was es heißt und worauf es ankommt, ein „richtiger“ Junge und später auch ein „richtiger“ Mann zu sein. Die Unterschiede am Anfang bleiben immer und überall auf der Welt gleich, jedenfalls dann, wenn nicht zu viele hormonähnliche Substanzen aus der Nahrung oder der Umwelt (z.B. Phtalate aus Weichplastik) während der Schwangerschaft in den Kreislauf des ungeborenen Kindes gelangen. Die Erziehungsstile und das, was die jeweiligen erwachsenen Vorbilder unter „Mannsein“ verstehen, sind in verschiedenen Kulturen unterschiedlich und ändern sich auch bei uns, auch in Bayern, mehr oder weniger deutlich von Generation zu Generation.

    Was sollten Frauen darüber wissen?

    GH: Es wäre gut, wenn Frauen das auch wüssten, ansonsten könnten die Männer es ja den Frauen erklären.

    In Selbstfindungskursen trifft man häufig viel mehr Frauen an als Männer. Wie erklärt sich das?

    GH: Davon singt ja Grönemeyer auch schon in seinem Lied: „Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand immer weiter“.  Und schon als kleine Jungs sind sie (im Durchschnitt hier bei uns) viel stärker auf der Suche nach etwas, womit sie sich hervortun können, was sie in den Augen anderer bedeutsam macht. Sie sind also stärker außenorientiert, oder extrovertiert, wie die Psychologen das nennen. Oft suchen sie so sehr nach Anerkennung und Macht und Einfluss und strengen sich an, um auf der Karriereleiter voranzukommen, dass sie ihre lebendigen Bedürfnisse dabei unterdrücken und auch die Signale aus ihrem eigenen Körper nicht mehr wahrnehmen. Deshalb bekommen sie auch häufiger einen Herzinfarkt und haben weniger Interesse an Selbstfindungskursen. Nicht alle, aber hier in Bayern sicher mehrheitlich.

    Viele Frauen ärgern sich darüber, dass „ihre“ Männer unachtsamer sind, sich selbst weniger reflektieren und nicht gerade „Hier“ schreien, wenn es darum geht, sich zu verändern. Welche Erklärung gibt es dafür?

    GH: Dafür gibt es keine andere Erklärung als die, dass diese Frauen im Verlauf ihrer Partnerschaft mit so einem Mann irgendetwas nicht so gut hinbekommen haben. Vielleicht haben Sie am Anfang nicht gut genug darauf geachtet, in was für ein Exemplar sie sich damals verliebt hatten. Oder sie waren zu lange mit dem zufrieden, was ihr Mann ihnen in bestimmten Bereichen geboten und dafür in anderen versagt hatte. Weshalb sollte sich ein Mann verändern, solange in so einer Beziehung alles einigermaßen läuft?

    Was kann frau tun, wenn sie selbst sich weiterentwickelt, ihr Mann aber zufrieden ist mit dem wie die Beziehung ist und er nicht bereit ist, sich selbst und das eigene Verhalten zu hinterfragen?

    GH: So eine Frau wird sich wohl irgendwann einmal mit der Erkenntnis abfinden müssen, dass niemand in der Lage ist, einen anderen Menschen zu verändern. Wir können unsere Kinder dazu bringen, dass sie sich so verhalten, wie wir das wollen, auch unsere Freunde oder Kollegen, sogar unsere Partner, aber die Effekte, die mit den dazu eingesetzten Dressurmethoden von Belohnung erreicht werden, sind niemals stabil. Alle, die so abgerichtet werden, auch die Männer, fallen wieder in ihre alten Verhaltensweisen zurück, wenn die Belohnungen oder Bestrafungen nicht bis zum bitteren Ende durchgezogen werden. Ein Mann, und natürlich auch eine Frau, wird sich nur dann ändern, wenn er oder sie das auch wirklich selbst will. Und dazu, es zu wollen, kann man ihn oder sie nicht zwingen, nur einladen, ermutigen und inspirieren. Alles andere ich vergebliches Bemühen.

    Wie unterscheiden sich Frauen und Männer grundsätzlich in ihren Bedürfnissen?

    GH: Es gibt zwei Grundbedürfnisse, mit denen alle Menschen bereits auf die Welt kommen, egal, ob  männlichen oder weiblichen Geschlechts oder irgendetwas dazwischen, was ja bisweilen auch vorkommt. Das eine Grundbedürfnis ist das nach Verbundenheit und Geborgenheit, das andere nach eigenen Gestaltungsmöglichkeiten, also nach Autonomie und Freiheit. Ich kenne nicht sehr viele Menschen, die während ihrer Kindheit und auch später im Leben das Glück hatten, beide Grundbedürfnisse gleichermaßen gut stillen zu können.

    Die meisten Menschen mußten sich damit abfinden, dass sie das nicht konnten, deshalb sind sie Bedürftige geworden. Was sie wirklich gebraucht hätten, haben sie nicht gefunden, und deshalb versuchen sie oftmals ein Leben lang, dieses Defizit durch leichter zu erreichende Befriedigungen zu stillen. Ersatzbefriedigungen nennen das die Psychologen.  Und womit solche Männer und Frauen ihre ungestillten Grundbedürfnisse zu kompensieren versuchen, was sie dann auswählen, um „sich etwas zu gönnen“, unterscheidet sich dann auch bisweilen recht deutlich. Männer kaufen selten gern Schuhe und sind auch nicht so viel in sozialen Medien unterwegs, Frauen spielen seltener Skat oder verlieren sich in Ballerspielen am Computer.  

    Was müssen wir hier als gegeben hinnehmen und was kann man ändern?

    GH: Wir müßten einander als Frauen wie auch als Männer helfen, eine Art von Miteinander zu schaffen, in dem diese beiden Grundbedürfnisse wirklich gestillt werden. Die einzige Art von Beziehung, in der das geht, heißt auf Deutsch „Liebe“

    Was brauchen Männer von Frauen, damit sie sich auf den Weg machen?

    GH: Sie brauchen nichts weiter, als sich selbst zu fragen, was für eine Frau oder was für ein Mann, also was für ein Mensch sie sein wollen: Ein Liebender, der anderen etwas schenken kann oder ein Bedürftiger, der von anderen etwas haben will.

    Hast du noch drei Tipps von Mann zu Mann, damit Männer sich selbst näherkommen können?

    GH: Nur einen: Ihr lieben Mitmänner, versucht doch bitte, einfach nur etwas liebevoller zu euch selbst zu sein. (www.liebevoll.jetzt) .

    Dieses Interview wurde für die Münchner AZ gemacht.

    Gerald Hüther

    Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung (www.akademiefuerpotentialentfaltung.org),

    Göttingen, Wien, Zürich

    Mitbegründer der Initiative „Männer für Morgen“

    Foto: Michael Liebert