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Dr. Reinhard Friedl im Interview: Unser Herz im Takt de s Lebens

    Dr. Reinhard Friedl: Unser Herz im Takt des Lebens

    09.04.2026

    Unser Herz: Im Takt des Lebens

    Der Herzchirurg Reinhard Fried hat bereits viele Tausende verletzte Herzen in seinen Händen gehalten. Irgendwann erkannte er, dass ein Herz viel mehr ist als der Motor unseres menschlichen Lebens und im Verlauf eines langen Lebens viele Milliarden Male schlägt, damit wir das Leben genießen können. Neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen beeinflusst es unsere Sinne unmittelbar und ist und bleibt darüber hinaus ein großes Wunder.

    Was berührt Sie persönlich am meisten, wenn Sie nach einer Herz-OP in die Augen Ihrer Patienten schauen?

    Wenn ich in diesen Augen wieder Leben und Zuversicht sehe. Eine schwere Herzerkrankung lastet auf unsere Seele, deren Tor zur Welt die Augen sind. Vor einer Operation sehe ich darin oft Angst und die tiefen Spuren eines langen Leidensweges. Wenn ein Patient nach einer Operation wieder besser Luft bekommt und sich mehr belasten kann, kehrt auch das Leben und die Zuversicht in die Augen zurück. Es ist aber auch schön das zu erleben, wenn keine Operation notwendig war.

    Das Herz ist nicht nur der Motor unseres Lebens. Was braucht es Ihrer Meinung nach besonders, um gesund zu bleiben? Was wären die wichtigsten drei Dinge?

    Man braucht ein schlagendes Herz nur einmal in Ruhe zu betrachten, dann kann man es schon sehen. Es ist die Natur des Herzens, sich zu bewegen. Es kann gar nicht anders. Es beginnt mit dem ersten Herzschlag am 22 Tag nach unserer Zeugung und hört bis zu unserem Tod nicht mehr auf. Ohne jemals eine Pause zu machen. Das Herz liebt Bewegung. Mit einem täglichen Spaziergang, dem Steigen von ein paar Treppen steigen und natürlich Sport machen Sie Ihrem Herzen eine große Freude.

    Jemand der so viel arbeitet, wie Ihr Herz, braucht auch mal Ruhe. Ihr Herz entspannt sogar nach jedem Herzschlag und macht eine kleine Pause bevor der nächste Herzschlag einsetzt. In diesem lebenslangen Schwingen zwischen Anspannung und Entspannung sucht das Herz immer wieder ein Gleichgewicht. Sonst würde es sich sehr schnell verausgaben. Sie können es darin wirklich sehr unterstützen, indem Sie regelmäßig die Anspannung des Alltags durch eine Pause mit bewusster Atmung unterbrechen und für Ihr inneres Gleichgewicht sorgen. Schließen die fünf Minuten die Augen, legen eine Hand auf Ihren Bauch und konzentrieren sich darauf, wie sich er sich mit jedem Atemzug vorwölbt und wieder entspannt. Und nicht nur der Bauch, auch Ihr Herz entspannt sich dabei nachweislich.

    Wer jeden Tag um die acht bis zehn Tonnen Blut pumpt muss natürlich gut ernährt werden. Ihr Herz kann sich nach einer Tortenschlacht nicht in die Ecke legen und 12 Stunden ausruhen. Deshalb bekommt ihm leichtes und hochwertiges Essen ganz besonders. Viel frisches Obst und Gemüse, hochwertige Öle, eine Handvoll Nüsse und eher wenig Fleisch sind der Brennstoff, der Ihr Herz täglich auf Hochtouren bringt.

    Das Herz steht auch für Mitgefühl, Liebe, Wille, Weisheit und Stärke. Aber diese Eigenschaften sind direkt am Herzen nicht auffindbar, oder haben Sie dafür Sensoren entdeckt?

    Es gibt neue Forschungsergebnisse, die hätte man zu meiner Studienzeit nicht für möglich gehalten. Unsere Herzen fangen in bestimmten Situationen an, im Gleichtakt schlagen. Wissenschaftler sagen dazu, sie synchronisieren sich. Die Herzen von Müttern und Vätern zum Beispiel mit den Herzen ihrer Kinder. Das geht einher mit diesem ganz besonderen Gespür, das Eltern bezüglich des Wohlergehens ihrer Kinder haben. Herzen synchronisieren sich auch, wenn wir mit Freunden mitfühlen oder diese in Gefahr sind, selbst sogar über größere Distanzen wurde das nachgewiesen. Und sogar bei Chirurgen im OP wurde die Phasensynchronisation ihrer Herzen bei ihrem hochsensitiven und gemeinsamen Handeln beobachtet. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind bei weitem noch nicht völlig verstanden. Die Atmung scheint eine Rolle zu spielen. Wissenschaftler gehen ferner davon aus, dass die elektromagnetischen Felder, welche Herzen produzieren, Informationen enthalten, die zum Gleichtakt führen. Auch Mobiltelefone und WLAN Netze übertragen ihre Nachrichten über elektromagnetische Wellen. Die können wir aber entschlüsseln. Herzen lassen sich nicht abhören. Synchronisation kommt in der Natur häufiger vor, zum Beispiel auch beim Leuchten von Glühwürmchen und Zirpen bestimmter Grillen. Immer geht es dabei um Kommunikation und Austausch. So ist es auch beim Gleichtakt der Herzen: er ist ein Einschwingen, ein Mitfühlen auf Herzensebene und wird von den untersuchten Personen auch so empfunden.

    Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso Ihr Herz überhaupt schlägt und was den allerersten Herzschlag auslöst? Es ist eine zauberhafte Substanz mit dem Namen Liebeshormon, medizinisch als Oxytocin bezeichnet. Es ist nicht nur der Zünder für den ersten Herzschlag, sondern für das Wachstum des Herzens von besonderer Bedeutung. Doch die Pumpe in unserer Mitte hat nicht nur Rezeptoren für das Liebeshormon, es kann es sogar selbst herstellen. Herzinfarkte fallen kleiner aus, wenn Herzen zuvor experimentell mit Liebeshormon behandelt wurden. Menschen, die in liebenden Beziehungen leben, werden älter. Die aktuell vorherrschende neurowissenschaftliche These, Liebe würde nur im Gehirn entstehen, halte ich für nicht haltbar. Das Herz ist mit der Biochemie der Liebe vom ersten Herzschlag an verbunden und bleibt es ein Leben lang.

    Ist ein Muskel, der in im Leben 3 Milliarden Mal schlägt, stark?  Ich würde sagen JA. Er ist unfassbar stark. Ihr Herz hat den Willen, Sie bedingungslos zu unterstützen, in Allem was sie tun. Ob es sich um die körperliche Liebe handelt, ob Sie Ihrem täglichen Broterwerb nachgehen, oder um Ihr Leben rennen. Selbstloses Handeln, das nicht nur den eigenen Interessen dient, ist ein Merkmal von Weisheit. Und es gibt Studien die gezeigt haben, Menschen sind besser dazu in der Lage, Entscheidungen zu treffen, auf die das Merkmal Weisheit zutrifft, wenn ihr Herz nachweislich entspannt ist.

    Sieht das Herz eines Mörders anders aus als das eines Mönches?

    Mörderherzen sind in der Herzchirurgie eher selten. Ich hatte jedoch schon Herzen vor mir liegen, in denen ein Messer steckte. Einmal war es ein Selbstmörder, und zweimal Opfer von Gewaltverbrechen. Einen Mönch habe ich glaube noch nicht operiert. Herzen sind wie Gesichter. Jedes hat eine Nase, einen Mund, zwei Augen und doch ist jedes Gesicht anders. Sie wissen nicht, wer sich dahinter verbirgt. Im Übrigen ist es mit Gehirnen genauso. Weder an der Gehirnwelle noch am Herzschlag können wir erkennen, ob es zu einem Mörder oder Mönch gehört.

    In der Quantenphysik geht man davon aus, dass alles miteinander verbunden ist. Wie eng stehen für Sie Herz und Gehirn in Verbindung?

    So eng wie zwei Liebende. Sie unterhalten sich unentwegt über geheime Kanäle, die wir erst allmählich zu verstehen beginnen. Der amerikanische Neurochirurg James R. Doty schreibt, wenn er den Schädel öffnet und auf das Gehirn blickt, pulsiert das ganze Gehirn im Rhythmus des Herzens. Denn mit seinen langen Armen, den Blutgefäßen, umschlingt ihr Herz sein Gehirn und massiert es unentwegt in seinem Takt. Und wie jede Massage sehr vieles ausdrücken kann, sind in der Biophysik der Pulswellen Information kodiert, welche unsere Emotionen und Verhalten beeinflussen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb Patienten bei starkem Hochdruck oft so unruhig werden. Die Pulswellen des Herzens bewegen indirekt auch die Flüssigkeit, in der das Gehirn schwimmt. In der Osteopathie können Therapeuten diese feinsten Bewegungen mit ihren Händen seismographisch aufzuspüren und Blockaden erkennen.

    Ist das Gehirn krank leidet das Herz oft mit, und umgekehrt. Stress und traurige Verstimmtheit begünstigen nicht selten Vorhofflimmern. Rhythmusstörungen wiederum können Depressionen verursachen und zu Schlaganfällen führen. Es wesentliche Rolle spielt das autonome Nervensystem. Es wird so genannt, weil es macht was es will und wir es willentlich nicht beeinflussen können. Deshalb ist es auch ein bevorzugter Nachrichtenkanal der Beiden. Erstaunlicherweise laufen 80% des Datenverkehrs von unten nach oben und was ihr Herz dem Gehirn alles zu erzählen hat, nun, das wissen Sie selbst am besten. Aber auch Wissenschaftler sind diesem heißen Draht auf der Spur und wenn das Gehirn auf das Herz hört, sind dort sogenannte herzschlagevozierte Potentiale nachweisbar. In sehr komplizierten Messungen wurde festgestellt, wenn das Gehirn auf das Herz hört und in Form eines solchen Potentials reagiert, beeinflusst das unser Sehvermögen. Die Stimme des Herzens ist nicht nur ein Hirngespinst.

    Umgekehrt lassen die Stimmen aus unserem Oberstübchen das Herz nicht kalt und es ändert fast unmerklich seinen Takt. Dies wird als Herzfrequenzvariabilität bezeichnet. Das Herz ist keineswegs ein Metronom, das starr vor sich hin klopft. sondern in Wahrheit kann der Herzschlag sogar ziemlich chaotisch sein. Der Abstand von zwei Herzschlägen ist niemals gleich, und so wie unsere Gedanken purzeln und rasen so pocht auch unser Herz unablässig im Bereich von Millisekunden schneller und langsamer. In der chinesischen Medizin sind diese Feinheiten der Pulsdiagnostik schon seit Jahrtausenden bekannt und es bedurfte für Ärzte vieler Jahre Übung um zu erlernen, was die Messung mit Computersystemen uns heute bestätigt. Es gibt eine solide wissenschaftliche Evidenz dafür, die Herzfrequenzvariabilität anzusehen als Maß für das Funktionieren des autonomen Nervensystems, die Qualität der Herz- Hirn Verbindung und sogar unseres biologischen Lebensalters. Jetzt fragen Sie sich, weshalb ist das normale EKG dann beim Gesunden so regelmäßig. Die Antwort ist ganz einfach: es misst ungenau, und deshalb sieht der Herzschlag darauf so regelmäßig aus. Bei sehr groben Störungen, wenn das Herz schon sehr krank ist, zum Beispiel bei einem Infarkt, hat das EKG hat trotzdem seine Aussagekraft. Besser ist es jedoch, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen und Störungen durch Messen der Herzfrequenzvariabilität frühzeitig zu erkennen.

    Und wo ist Ihrer Meinung nach Bewusstsein angesiedelt?

    Wenn wir einen Schlag auf den Kopf bekommen oder eine Narkose bestimmte Synapsen blockiert, werden wir bewusstlos. Dies führt bei manchen Zeitgenossen zu der Annahme, Bewusstsein entstehe auch Gehirn. Auch bei einem Herzstillstand tritt als nächstes ein Bewusstseinsverlust ein. Hat es seinen Ursprung daher nicht vielmehr im Herzen?

    Der amerikanische Neurowissenschaftler Eben Alexander sagt, Bewusstsein sei der weiße Fleck auf der Karte der Gehirnwissenschaften. Um das Geheimnis unseres Bewusstseins näher zu erläutern möchte ich einen Schritt zurückgehen, zum Anfang unseres Lebens. Wenn Kinder geboren werden ist ihr Gehirn ist noch nicht fertig entwickelt. Trotzdem sind Neugeborene bewusste Menschen. Sie schreien, haben Hunger, sie lachen und weinen und erkennen Geruch und Herzschlag Ihrer Mutter. Womit frage ich mich, wenn das Gehirn noch unfertig ist? Sie haben ein Herz, das schon voll einsatzbereit ist und jede Sekunde für das Leben des Babys und damit auch sein Bewusstsein verantwortlich ist. Aber es ist nicht nur der Generator für Bewusstsein, der Blut ins Gehirn treibt, sondern ein Organ das unmittelbar selbst bewusst ist.

    Es gibt Kinder, die werden ohne Großhirn geboren. Sie sterben oft früh und sind schwer behindert. Manchmal überleben sie aber auch Jahrzehnte. Auch diese Menschen ohne Großhirn haben bewusste Gefühle, Ihr Lieblingsspielzeug, ihr Lieblingsessen, sie empfinden Zuneigung und Liebe. Ohne Großhirn! Ich denke das Herz spielt eine große Rolle dabei und ich bezeichne dieses Herzbewusstsein in meinem neuen Buch als kardiokognitives Bewusstsein. Denn Hirn und Herz haben viel mehr Ähnlichkeiten als man auf den ersten Blick wahrnimmt: beide können sich selbst elektrisch erregen, beide sind permanent von elektrischem Strom durchflossen und beide generieren elektromagnetische Felder. Das sind zweifellose Prozesse, die man für das Erleben von Bewusstsein braucht. Doch weder Herz noch Gehirn sind Container von Bewusstsein. Sie sind biologische Bauteile von Bewusstsein. In der Sprache der Nachrichtentechnik würde ich sagen Prozessoren und Antennen welche wir benötigen, um Bewusstsein für uns Menschen erfahrbar zu machen. Im Falle des Herzens ist das nicht intellektuelle Scharfsinnigkeit, die ist Sache des Gehirns, aber es steuert dem Bewusstsein Herzensqualitäten bei wie zum Beispiel Liebe und Mitgefühl, Beharrlichkeit und Lebensmut.

    Die Neuroplastizität geht davon aus, dass wir durch Meditation unser Gehirn durch unseren Geist verändern können – und umgekehrt genauso. Wenn alles miteinander verbunden ist, inwieweit können wir dann auf unser Herz Einfluss nehmen?

    Jedes biologische System ist plastisch, das heißt formbar. Das Herz, das Gehirn, unsere Muskeln und auch unsere Gene. Durch Meditation werden bestimmte Gehirnbereiche aktiver, und verändern dann sogar ihre Struktur. Das bezeichnet man also neuroplastisch. Das Gleiche passiert ja auch, wenn wir Sprachen lernen oder ein Instrument. Interessant ist nun, dass eben auch Meditation, sozusagen das Nicht-Denken, die ja bis vor kurze in der Ecke der Esoterik verortet wurde, zu amtlich messbaren Veränderungen im Gehirn führt. Und Meditation sowie fast Alles, was wir tun und denken, hat wiederum Einfluss auf unsere Gene. Dabei war es bis vor einigen Jahren ein weit verbreitetes Paradigma, Gene würden von Grund auf alles steuern und seien Schicksal bestimmend. Nein! Biologische Systeme sind viele ineinander verschachtelte Kreisläufe, die in beide Richtungen laufen. Wenn wir uns dieses Wissen zu Nutze machen, kann aus Krankheit auch Gesundheit werden.

    Eine ganz westliche Rolle spielt bei der Einflussnahme auf unser Herz spielt die Atmung, die auf lateinisch als Spiritus bezeichnet wird. Spiritualität ist zunächst einmal nichts Anderes als die Bezeichnung für etwas, das atmet. Bewusstes Atmen ist immer auch Meditation. Mit jeder Einatmung legen sich die großen Lungen mit Ihren prall gefüllten Flügeln um das Herz und drücken es ein bisschen, das Herz wird schneller. Und mit jeder Ausatmung wird das Herz wieder langsamer. Beobachtet man dabei die Herzfrequenzvariabilität so sieht man, aus dem scheinbaren Chaos wird eine schöne, harmonische Sinuskurve. Bei Babys ist das übrigens noch ein normaler Urzustand. Bei meinen eigenen kleinen Kindern hat mich diese Herzatmung, welche sie von wie von selbst, in ein einen Zustand meditativen Seins führt, immer sehr berührt.

    Dem Herzen wird ein eigenes „kleines Gehirn“ mit 40.000 Nervenzellen sowie diverse Rezeptoren, z.B. für Hormone und Neurotransmitter zugesprochen. Welche Aufgabe hat dieses kleine Gehirn?

    Unser Herz ist auch eine kleine Maschine mit einer riesengroßen Leistung. Hunderttausend Mal schlägt es alleine an einem Tag. Bei einer solchen Kilometerleistung wäre ein Automobil spätestens nach ein paar Tagen schrottreif. Dieses Wunder an Ökonomie kann es Herz nur erbringen, wenn es ständig nach einem minimalen Energieverbrauch sucht und seine Taktfrequenz und Schlagkraft von Millisekunde zu Millisekunde an die Bedürfnisse des Körpers anpasst. Unsere modernen, energiesparenden Autos gehen an jeder Kreuzung aus. Das wäre im Falle des Herzens keine gute Lösung. Deshalb hat es eine überaus feine Steuerung, die auch als sein Gehirn bezeichnet wird. Damit erreicht es einen Wirkungsgrad, von denen unsere technischen Maschinen Lichtjahre entfernt sind. Das Herzgehirn verfügt sogar über ein Gedächtnis, welches im Bereich von Millisekunden bis Minuten agiert. Mehr braucht es auch nicht, denn es ist das Organ für die Gegenwart, seine Aufgabe ist es in jeder Sekunde Leben zu erschaffen.

    Geht man weiter zurück, braucht es zum Zeugen von Leben idealerweise auch zwei Liebende. Auch hier hat unser Herz seinen eigenen Kopf, der sich durchaus nicht immer nach dem Verstand richtet. Es schlägt nicht nur autonom, es ist verblüffenderweise auch zur Synthese von Schmetterlingshormone fähig. Und so verschickt und empfängt es Nachrichten von Glück und Erregung in der Form von Dopamin, Noradrenalin oder Adrenalin. Das tun andere Organe auch, aber diese Extraprise, oder sollte ich sagen, die Expertise, die es vielleicht braucht, um der Liebe auf die Sprünge zu helfen, könnte aus dem Herzen kommen. Herzchirurgen kennen diese Substanzen sowieso ganz genau, denn sie werden in isolierter Form auf Intensivstation verwendet um schwer kranke Herzen am Leben zu halten. Manchmal muss auch eine in die Jahre gekommene Liebe reanimiert werden. Neue wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, das Herz kann das Liebeshormon Oxytocin sogar stellvertretend für das Gehirn produzieren. Vielleicht gerade dann, wenn der Verstand in einer Beziehungsflaute steckt.

    Inwiefern haben Störungen des Herzens Einfluss auf das Gehirn und umgekehrt. Wie kann das Gehirn unser Herz darin unterstützen, den Schmerz zu überwinden?

    Ich möchte den zweiten Teil der Frage zuerst beantworten. Oxytocin ist schmerzstillend. Das Wissen auch Mütter, die sich um die Geburt herum in einem regelrechten Oxytocin Rausch befinden. Es tut immer noch sehr weh, aber der Schmerz ist erträglicher. Das hat die Natur so eingerichtet. Ich persönlich glaube, je mehr wie lieben, je mehr wir mit ganzem Herzen in einem Zustand von Liebe bleiben können, unabhängig davon, was um uns herum passiert, unabhängig davon, was uns widerfährt, umso weniger schmerzt es uns. Aber ich gebe zu, dafür braucht man schon eine recht weit entwickelte Buddha-Natur.

    Eine bekanntere Störung der neurokardialen Achse, wie die Herz-Hirn Verbindung auch bezeichnet wird, ist das Broken Heart Syndrom. Neuerdings gibt es auch schon Happy Heart. Der desaströse Effekt ist jedoch der Gleiche. Eine als unerträgliche empfundene emotionale Belastung führt zu einer Verkrampfung oder Dauerkontraktion des Herzens, einhergehend mit starken Schmerzen. Das Herz kann sich nicht mehr entspannen und die Pumpleistung ist am Ende so reduziert, dass ein lebensbedrohlicher Zustand eintritt. Beschrieben wurde die Erkrankung ursprünglich ganz poetisch als Takotsubo Syndrom. Das schmerzende Herz sieht aus wie ein Tintenfisch, der in einem Tonkrug gefangen wurde und sich nicht mehr befreien kann. Ich finde das ein sehr stimmiges Bild für Psychodynamik dieser Erkrankung, für ein Herz, das eingekerkert ist und dessen Stimme schon lange nicht mehr gehört wurde. Ich glaube, wenn wir leiden, haben wir manchmal alle eine bisschen Takotsubo. Eine gute Freundin von mir hat gerade Liebeskummer und berichtete mir, ihr tue richtig das Herz weh und es fühle sich an wie eingeschnürt.

    Welche Rolle spielt für Sie das Bewusstsein bei all dem? Nimmt es eine Art Mittlerfunktion ein?

    Bewusst sein beschreibt zunächst einmal das Empfinden der eigenen Existenz. Evolutionsbiologisch werden wir bewusst durch die Fähigkeit mit unseren Sinnesorganen wahrzunehmen. Kleine Babys sind bewusst durch reines Fühlen. Der Verstand entwickelt sich erst später und verdrängt unsere Fähigkeit zu Fühlen immer mehr. Im schlimmsten Falle, sind wir nach Jahrzehnten zu Intelligenzbestien geworden, denen die Fähigkeit zum Mitfühlen oder die Wahrnehmung der Schönheit unserer Erde weitgehend abhandengekommen ist. Der Existenz, also allem was es gibt, allem Sein, dem Universum und der Welt, ist es vermutlich egal, ob wir es wahrnehmen oder nicht. Es existiert auch ohne uns. Aber wir existieren nicht ohne ES. Wir brauchen eine Erde und eine Sonne mit Wasser und Licht um Leben zu können. Im Kreislauf der Natur sind wir untrennbar damit verbunden. Unsere Sinnesorgane befähigen uns, das wahrzunehmen, dessen bewusst zu sein und es schließlich mit unserem Verstand zu erfassen.

    Auf Ihrer Website steht: „Als Herzchirurg und Wissenschaftler habe ich viele tausend Herzen in meinen Händen gehalten und die Sprache des Herzens begreifen dürfen.“ Was ist Ihrer Erfahrung die grundlegende Botschaft des Herzens an einen Menschen? Gibt es so etwas oder hat jedes Herz seine eigene Botschaft?

    Erst wenn wir uns wieder mit allen, uns von der Natur zur Verfügung stehenden Sinnesqualitäten verbunden haben, sind wir ein ganzer Mensch. Der Homo sapiens, der wissende Mensch, weiß, dass er ein fühlendes Herz hat und ist kein intellektueller Kastrat. Ich halte die Vision vom Homo Deus, dem Menschen der aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten und Technologie, ein Gott ist, für ein bisschen vermessen. Wenn ich mir unsere Welt so anschaue, sehe ich ohnehin eher das Gegenteil. Wir können uns aber vom High Performer zum Heart Performer weiterentwickeln, indem wir wieder anfangen mit dem Herzen zu fühlen und diese Qualitäten in unser Bewusstsein zu integrieren. Seien wir nicht dumm und hören auf die Stimme unserer Herzen. Wenn unser Gehirn sie so ernst nimmt, sollten wir es auch tun.

    Herzlichen Dank für das Interview!

    Weitere Informationen unter: www.herzzeit.de