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Mein gescheiterter Versuch, mein Nervensystem mit Kiffen zu regulieren

    Mein gescheiterter Versuch, mein Nervensystem mit Kiffen zu regulieren

    03/07/2026

    Mein gescheiterter Versuch, mein Nervensystem mit Kiffen zu regulieren

    Wenn ich heute Menschen begleite, die mit einer Angststörung oder einem chronisch überreizten Nervensystem zu mir kommen, erzähle ich manchmal, dass ich als Jugendliche jahrelang gekifft habe.

    Fast immer kommt dieselbe Reaktion: „Was? Du? Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Du wirkst doch so entspannt und so vernünftig.“

    Dann muss ich schmunzeln. Denn auch für mich fühlt sich diese Zeit inzwischen an wie die Erinnerung an ein anderes Leben. Früher war ich alles andere als entspannt und noch weniger war ich vernünftig.

    Ich würde eher sagen, dass ich versucht habe, mich mit Kiffen und Alkohol aus der Realität zu stehlen. Mir war alles viel zu langweilig, zu spießig, zu ruhig – und viel zu vernünftig.

    Geboren wurde ich in Kevelaer, nur ein paar Kilometer von der grünen holländischen Grenze entfernt. Für viele aus meiner Generation war es völlig normal, mit Freunden nach Venlo, Venray oder Nijmegen zu fahren, um dort zu kiffen, weil es damals in Deutschland noch verboten war. Das gehörte einfach dazu. Wir fuhren mit unseren Mofas dort hin, später mit der Ente, hatten dort Spaß, haben viel gelacht, hörten Musik oder saßen einfach völlig zugedröhnt rum, versunken in der eigenen Welt.

    Damals dachte ich, so würde ich der Gesellschaft und der Norm entkommen. Heute weiß ich, dass unbewusst ein ganz anderer Versuch dahintersteckt. Ich wollte gar nicht bekifft sein. Ich wollte einfach endlich ruhig werden und mich entspannen können.

    Damals hätte ich das niemals so formulieren können. Ich wusste nicht einmal, dass ich eine permanente innere Unruhe in mir trug. Sie war so selbstverständlich geworden, dass ich sie für meine Persönlichkeit hielt.

    Erst viele Jahre später wurde mir klar, dass ich unbewusst versucht hatte, mein Nervensystem zu regulieren. Und natürlich vor meinen eigenen traumatischen Erfahrungen aus der Kindheit wegzulaufen. Das Kiffen war ein verzweifelter Versuch meines Körpers und meines Geistes, endlich einmal zur Ruhe zu kommen.

    Für ein paar Stunden funktionierte es. Aber die eigentliche Ursache verschwand dadurch nicht.

    Die Erfahrung, die alles veränderte

    Viele Jahre später machte ich dann in meinem ersten langen Meditationsretreat eine unmittelbare Erfahrung meines wahren Wesens. Es war eine Erfahrung jenseits dessen, was ich bis dahin für mein Ich gehalten hatte. Plötzlich wurde mir mit einer ungeheuren Klarheit bewusst: Das alles bin ich ja gar nicht!!!

    Die Unruhe war nicht mein Wesen. Sie war etwas, das ich mein ganzes Leben mit mir herumgetragen hatte und dachte, sie gehört zu mir, wie die Nacht zum Tag.

    Diese Erfahrung von Nicht-Ich, von SEIN war sehr kurz. Aber sie veränderte mein ganzes Leben. Von einem Tag auf den anderen hörte ich damit auf. Nicht nur mit Cannabis. Auch Zigaretten, Alkohol und andere Möglichkeiten, mich irgendwie zu betäuben oder zu regulieren, verloren ihre Bedeutung.

    Erst ohne Betäubung wurde sichtbar, was wirklich da war

    Viele Menschen glauben, mit dem Aufhören sei alles erledigt. Für mich begann die eigentliche Reise erst danach. Denn plötzlich war sie wieder da. Diese enorme innere Unruhe. Jetzt gab es nichts mehr, das sie überdeckte.

    Zum ersten Mal musste ich ihr wirklich begegnen. Und das war gar nicht so leicht. Lange Meditationen waren für mich die reinste Qual. Ein Meditationsretreat war nur in Teilen möglich. Von sechs Sitzeinheiten war ich maximal zwei Einheiten dabei, weil ich es einfach nicht schaffte, still zu sitzen. Und das, obwohl meine Sehnsucht danach so groß war.

    Nach und nach begann ich zu erforschen, warum mein Nervensystem überhaupt so angespannt war. Warum ich ständig das Gefühl hatte, innerlich unter Strom zu stehen.

    Rückblickend sage ich manchmal scherzhaft: Ich hatte das Gefühl, als wäre ich als Baby in einen Kochtopf voller Koks gefallen. Und das wurde mir aber erst so richtig bewusst, nachdem ich aufgehört hatte, diese totale Unruhe andauern mit irgendetwas zu deckeln: Mit Kiffen, Mit Alkohol, mit Kaffee, mit Liebesdramen, mit totaler Produktivität – je nach Lebensumstand. 

    Mein Inneres fühlte sich so rastlos und energiegeladen zugleich an, dass ich das Gefühl hatte, so viel Energie zu besitzen, um damit eine Kleinstadt mit Strom versorgen zu können. Aber im Gegensatz zu einem Kraftwerk konnte ich meine Energie überhaupt nicht regulieren.

    Heilung braucht Erfahrung – nicht noch mehr Wissen

    Es dauerte viele Jahre, bis ich lernte, mein Nervensystem wirklich zu regulieren – und zwar durch Achtsamkeit, Körperarbeit, Vertrauen, Geduld und Menschen, die mir dabei halfen, mich selbst zu verstehen und mich selbst zu regulieren.

    Vor allem die letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre haben mein Verständnis noch einmal grundlegend verändert. Erst in dieser Zeit wurde das Wissen über Trauma und die Funktionsweise unseres Nervensystems immer zugänglicher.

    Viele Dinge, die ich früher persönlich genommen hatte, verstand ich plötzlich als Ausdruck eines Nervensystems, das jahrelang im Überlebensmodus gearbeitet hatte. Dieses Verständnis hat vieles verändert.

    Buddhismus und Yoga alleine ersetzt keine langsame Heilung

    Durch meine Arbeit als Seminarleiterin, Coach und Redakteurin von Yoga aktuell begegne und begleite ich vielen Menschen, die seit Jahren meditieren, Yoga unterrichten oder spirituelle Seminare besuchen. Was mir bei vielen von ihnen auffällt ist, dass sie dennoch kaum fünf Minuten still mit sich selbst sein.

    Ich sehe Menschen, die Ausbildung um Ausbildung absolvieren, Teacher-Training um Teacher-Training machen, ständig neues Wissen sammeln – und gleichzeitig ihrem eigenen Schmerz ausweichen.

    Das ist kein Vorwurf. Ich kenne diesen Weg selbst, weil spirituelles Wissen sehr inspirieren kann und ich lange das Gefühl hatte, dass ich meiner Unruhe über den Kopf begegnen und sie auf diese Weise verstehen und heilen kann.

    Aber es ersetzt nicht die unmittelbare Begegnung mit dem eigenen Nervensystem.  Es ersetzt nicht die Heilung. Sondern es geht darum, sich selbst zu fühlen, zu spüren und nach für nach im eigenen Körper anzukommen.

    Wir können lernen, innerlich sicher zu werden

    Heute kann ich kaum noch glauben, dass ich einmal so viel gekifft, getrunken und selbstgedrehte Zigaretten geraucht habe.

    Manchmal denke ich: War ich das wirklich?

    Denn ich fühle mich heute so viel ruhiger. So viel verbundener mit mir selbst. Nicht, weil mein Leben immer leicht wäre. Sondern weil ich gelernt habe, meinem Nervensystem zuzuhören, anstatt gegen es anzukämpfen.

    Vernünftig bin ich übrigens immer noch nicht – und das ist vielleicht auch ganz gut so.

    Was mich heute trägt, ist etwas anderes: das Vertrauen, dass wir uns verändern können. Dass wir uns nicht ein Leben lang über unsere Wunden, unsere Muster oder unsere Geschichte definieren müssen.

    Im Buddhismus gibt es die Lehre vom Nicht-Ich. Lange hielt ich sie für ein philosophisches Konzept. Heute ist sie für mich eine Erfahrung. Je weniger ich mich mit meinen Gedanken, Gefühlen und alten Geschichten identifiziere, desto mehr entsteht etwas, das viel weiter ist als dieses kleine „Ich“.

    Vielleicht ist genau das das größte Geschenk meines Weges: zu erkennen, dass wir nicht unsere Unruhe sind. Nicht unsere Angst. Nicht unsere Traumata.

    Darunter gibt es einen stillen Ort in uns, der nie verletzt wurde.

    Und genau dorthin führt für mich der Weg der Achtsamkeit – Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug.

    Was für ein Mysterium dieses Leben. Dieses Menschsein. Dieses Ich. Und dieses Nicht-Ich.

    Ich habe erfahren, dass selbst ein Nervensystem, das jahrzehntelang in Alarmbereitschaft gelebt hat, lernen kann, sich zu entspannen. Es geht leider nicht über Nacht. Und nicht durch Disziplin, sondern nur mit sehr, sehr viel Selbst-Mitgefühl, Geduld und die Bereitschaft, den eigenen Erfahrungen wirklich zu begegnen. Das heißt nicht, dass man die eigenen Traumata noch einmal erleben muss. Für mich geht es viel mehr darum, zu lernen, sich selbst zu regulieren. Dabei ist es wichtig, sich selbst und die eigenen Gefühle, Muster und Mechanismen lesen und wandeln zu lernen.

    Für mich war die wichtigste Erkenntnis meines Weges: Heilung beginnt nicht im Kopf. Diese Erkenntnis viel mir sehr schwer, da ich ein sehr intellektueller und Kopf gesteuerter Mensch bin. Heilung begann bei mir nicht, indem ich noch mehr Wissen anhäufte, sondern in dem Moment, in dem ich den Mut hatte, mir selbst ehrlich zu begegnen. Und mich selbst zu fühlen. Immer wieder neu. In kleinen, feinen und achtsamen Schritten kam ich immer mehr in mir und meinem Körper an.

    Und wenn ich heute daran denke, dass ich mal so viel gekifft, getrunken und selbst gedrehte Zigaretten geraucht habe, dann denke ich mir: „Ich war das?! Das kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen. Weil ich fühle mich so wohl und entspannt. Verfünftig aber werde ich wohl nie – zum Glück!“

    Wie schön, dass es nie zu spät ist, sich zu lösen aus Identifikationen mit dem Ich. Mein. Mir. Und all das ist nur möglich, weil es dieses kleine Ich gar nicht gibt..

    Was für ein Mysterium dieses Leben, dieses Menschsein, dieses Ich und dieses Nicht-Ich.

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    Lotus

    Lotus