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Farbe bekennen

    Farbe bekennen

    13/04/2026

    Farbe bekennen

    Oft sind es unerwartete Einsichten, die uns am tiefsten verändern. und uns langfristig glücklich machen Eine kleine Geschichte, in der ich micht nackt zeige und die daran erinnert, was im Leben wirklich zählt.

    Ich liege nackt auf dem Rücken. Vanessa, eine einfühlsame und achtsame Tantralehrerin sitzt hinter mir.  Wir haben uns zu einer Yonimassage verabredet. Während ich sehr entspannt daliege, beginnt sie, nachdem sie meinen Rücken massiert hat, meinen Kopf zu massieren. Dabei fährt sie mir immer wieder durch meine kurzen, lockigen Haare. Denen schenkt sie sehr viel Aufmerksamkeit und ich genieße es. Plötzlich schießen mir viele Bilder durch den Kopf.

    Lotus

    Ich sehe mich als fünfjähriges Kind auf dem Hof meines Elternhauses. Meine Mutter hatte mich zum Frisör geschickt, um meine schulterlangen Locken abzuschneiden. Sie mochte meine Haare nie. Sie waren ihr zu wild, zu ungestüm… so wie ich selbst es war. Sie wollte, dass ich für den ersten Schultag – ihn ihren Augen – gepflegt aussehen sollte. Das Geld für den Frisör hatte ich allerdings in der Eisdiele neben dem Frisörgeschäft gelassen. Nicht nur deshalb, weil ich das Schokoladeneis dort besonders liebte. Nein. Ich liebte auch meine Haare! Als ich mit einem Schokoladeneisfleck auf dem T-Shirt nach Hause kam, schaute meine Mutter mich wutentbrannt an und strafte mich den Rest des Tages mit einer solche Kälte und Härte, dass ich noch am selben Tag zum Frisör ging und die Haare kurz schneiden ließ.  

    Ein anderer Teil entschied sich, die Haare niemals wachsen zu lassen, um nicht noch einmal einen so tötenden und hasserfüllten Blick zu bekommen. Ich erzählte Vanessa von meinen inneren Bildern und teilte ihr auch mit, dass ich seit diesem Tag an meine Haare kurz trug, diesen inneren Entschluss aber längst vergessen hatte. Zu groß war meine Angst, noch einmal wegen meiner Haare so abgelehnt zu werden. Aber erst jetzt in diesem Moment wurde mir bewusst, welcher Glaubenssatz sich hinter meinen kurzen Haaren verbarg.

    Lotus

    Was mir aber erst durch die zärtliche Kopfmassage bewusst wird ist die Tatsache, dass ich mich mit den kurzen Haaren auch immer wieder unbewusst von meiner Weiblichkeit abgeschnitten haben. Mit einem Mal wird mir am eigenen Leib noch einmal unmittelbar bewusst, wie eng das Gefühl von Weiblichkeit schon an unserem Scheitelpunkt beginnt und nicht nur durch das Geschlecht definiert wird. Tja, man kann die Wahrheit zwar tausendmal lesen, aber erst wenn wir sie selbst erfahren, wird sie zu unserer Realität.

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    Wer bin ich?

    Durch diese Erfahrung wurde mir noch einmal in der Tiefe und neu bewusst, dass unsere Haare auch ein Ausdruck dessen ist wer wir sind. Alles ist Teil dieses Ausdrucks. Die Haarfarbe: Braun, rot, schwarz oder blond. Aber auch die Struktur der Haare, die mal lockig, mal glatt, mal kraus sein kann. Auch das Haarvolumen, das mal fein, mal kahl oder mal dünn ist, spiegelt unsere familiäre Zugehörigkeit wider. Sie sind ein genetischer Spiegel für dieses Leben.

    Den anderen Teil meiner Haare kann ich frei leben: Wie möchte ich das, was auf meinem Kopf wächst, tragen? Wie möchte ich mich der Welt durch eine Frisur oder eine Glatze präsentieren? Lasse ich sie lang wachsen, trage ich sie kurz oder schneide ich sie so kurz, dass ich eine Glatze habe und keiner meine ursprüngliche Haarform- und Farbe sieht. Haare können auch Ausdruck unserer gesellschaftlichen oder spirituellen Zugehörigkeit sein. Sie zeigen ob, ob ich mich als Hippie, als Punk, als Rastafari fühle oder mich als Nonne oder Mönch einer Tradition zugehörig fühle.

    Unsere Haare spiegeln auch wider, in welchem Zyklus des Lebens wir uns befinden. Als Kinder haben wir feines und biegsames Haar. Wenn wir älter werden, wird unsere Haarpracht kräftiger und ist ein Ausdruck dafür, dass wir mit Saft und Kraft im Leben stehen. Dann verliert es wieder an Volumen und wird spröde. Als letztes werden unsere Haare weiß und spiegeln damit die Weisheit des Geistes wider.

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    Farbe als Schmuck

    Während Vanessa meine Haare auf meinen Wunsch hin weiter massiert, gehen mir zahlreiche Frauen aus meinem Leben durch den Kopf. Frauen, die ihre schwarzen Haare blond färben oder umkehrt, ihr blonden Haare braun oder schwarz färben. Frauen, die Locken haben und sie glatt föhnen und solche, die ihre glatten Haare zu einem Afrolook hochstilisieren. Junge Frauen, die ihre braunen Haare grau färben und alte Frauen, ihre grauen Haare blond färben. Es sind viele selbstbewusste Frauen dabei, die gerne mit ihrem Erscheinungsbild spielen. Einige davon lieben es, sich immer wieder mit Hilfe unterschiedlichster Haarschnitte und Haarfarben einen neuen Ausdruck zu verleihen. Ich bin begeistert von solchen Frauen, die sich trauen, sich immer wieder neu zu erfinden. Sie spielen mit sich und ihrem Äußeren, sind individuell und authentisch und meistens auch sehr kreativ.

    Ich habe meine Haare nie färben lassen, weil ich meine dunkelblonde Haarfarbe als immer passend empfunden habe. Aber seitdem die Haare sich ins grau und weiß wandeln, gefällt mir diese natürliche Veränderung sehr gut. Ich finde, dass mich die Strähnen etwas intelligenter und weiser aussehen lassen. Vanessa gefallen die weißen Haare an mir auch. Und auch andere Menschen sprechen mich im positiven Sinne immer wieder darauf an.

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    Farbe als Schutz

    Weiter ging die innere Bilderreise: vor meinem inneren Auge erschienen dann zahlreiche „spirituelle“ Freundinnen, die sich mit 50, 60 oder 70 Jahren ihre Haare immer noch schwarz, braun oder rot färben lassen. Ich fragte mich, was all diese Frauen veranlasste, ihre ursprüngliche, Gott gegebene Haarfarbe zu überdecken. Haben sie Angst vor dem Älterwerden? Ich weiß von einigen, dass sie Angst haben, als „alt“ abgestempelt zu werden. Ich weiß auch von einigen, dass sie sich hier und da mal liften lassen. Viele davon arbeiten im Yogabusiness. Sie erzählen mir im Vertrauen, dass sie den Druck nur schwer aushalten, der durch die ganze Scheinwelt der ewigen Jugend, die uns durchs Internet vermittelt wird, auf ihnen lastet. Sie beugen sich diesem Schein und versuchen mit allen Mitteln, ein ewig strahlendes Bild zu vermitteln. Faltenlos und ewig jung.

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    Haare als Symbol des Charakters

    Was hält all diese Frauen davon ab, sich so zu zeigen, wie sie wirklich sind? Viele Frauen, die ich kenne, haben sich Wege in die Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstständigkeit erkämpft. Und sie können – in meinen Augen – stolz darauf sein, was sie im Laufe ihres Lebens alles geleistet und gemeistert haben. Warum zeigen sie sich nicht in ihrer ureigenen, wilden, weisen Weiblichkeit?

    Haare sagen schließlich sehr viel über unseren Charakter aus. Warum die eigene, natürliche Haarstruktur deshalb nicht lieber als ein Zeichen der Authentizität zu nutzen? So heißt es, dass glatte haar Zielstrebigkeit ausdrücken. Sie vermitteln uns zwar auf der einen Seite ein Gefühl von Härte und Unnahbarkeit. Gleichzeitig sind sie berechenbar und machen es möglich, viel mit ihnen zu experimentieren und mit ihnen zu spielen. Menschen mit welligen Haaren werden eher als romantisch, verspielt und sanft eingeschätzt und haben ein eher kindliches und sympathisches Aussehen. Menschen mit welligen Haaren werden als zugänglich eingeschätzt, manchmal aber auch als naiv betrachtet. Lockige Haar symbolisieren eine eher ungebändigte Natur. Menschen mit dieser Haarstruktur werden eher als rebellisch wahrgenommen. Lockenköpfe lassen sich nicht so leicht in Kategorien einstufen und setzen sich gerne für die eigene Freiheit und Unabhängigkeit ein.

    Besonders Menschen, die älter werden, können und sollten sich die Wertschätzung und Anerkennung, die sie sich wünschen, in meinen Augen nachhaltiger einfordern als durch gefärbte Haare oder eine Botox Spritze, die ihnen ein jüngeres Aussehen verleiht. Ich höre immer wieder, dass „Alte“ in unserem Land nicht geschätzt werden. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir, die alt werden, diese Wertschätzung einfordern, anstatt uns einer Scheinwelt hinzugeben und uns verbiegen, nur von Jüngeren als attraktiv oder jugendlich bezeichnet zu werden? Wie oft beschneiden wir uns oder biegen uns gerade, nur um gesellschaftlichen Konzepten und Idealen von Schönheit und Jugendlichkeit zu entsprechen? Wie sehr verbiegen wir uns gegen unsere ureigene, spirituelle, weibliche Kraft, die durch jede von uns ihre ganz eigene Ausdrucksform zeigen möchte?

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    Was mich bei der Reflexion über Haare ebenfalls tief berührte, ist die Tatsache, dass viele der „spirituellen“ Frauen, die ich kenne, gefärbte Haare haben. Fordert nicht gerade der spirituelle Weg uns auf, Identifikationen hinter uns zu lassen? Geht es nicht darum, uns in der Tiefe zu erkennen? Fordern uns die Schriften nicht auf, ganz Mensch, ganz Individuum, ganz Göttlichkeit zu werden?

    Vielleicht sind wir Frauen aufgefordert, die von der Gesellschaft vorgegebenen Schönheitsideale zu töten. Ist es nicht in dieser neuen Zeit auch angesagt, loszulassen von den alten, patriarchalen Schönheits- und Jugendidealen und ein neues Schönheitsbild zu erschaffen. Keine Fake-Schönheit, wie sie uns derzeit auf Instagram oder anderen sozialen Medien verkauft wird, sondern ein ganz neues Schönheitsideal, inspiriert von Lilith, der starken, eigensinnigen Frau. Jene Frau, die das Paradies freiwillig verließ.

    Bei diesen Gedanken erscheinen vor meinem inneren Auge Frauen, die sich so zeigen, wie das Leben sie schuf: Einzigartig und auf ihre individuelle Weise sehr schön und stolz. Mir kommen Frauen mit grauen und weißen Haaren in den Sinn. Manche von ihnen finde ich auch mit Mitte 60 oder 70 Jahren noch sehr sinnlich und anziehend. Es sind Frauen, die verbunden sind mit der Kraft der Lilith. Frauen, die sich nicht verbogen haben. Frauen, die sich selbst und ihrem eigenen Schönheitsideal treu geblieben sind. Und ganz davon abgesehen, spiegeln weiße Haar auch die über viele Jahrzehnte angesammelte Weisheit und Lebenserfahrung wider.

    Lotus

    Irgendwann hörte Vanessa auf, meine Haare zu massieren und wandte sich langsam meinem Oberkörper, meinem Bauch und meinem Schoß zu. Der Rest der Massage verlief sehr sanft und schön. Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist mir von diesem Tag jedoch meine Einsicht über die Haare.

    Einige Wochen später leite ich eine Yogalehrerausbildung. Die angehenden Yogalehrerinnen sind alle sehr jung und meist ohne langjährige Yogapraxis. Das Interesse sich in der Tiefe mit sich selbst auseinanderzusetzen, ist sehr begrenzt. Die meisten wollen „einfach nur Asanas“ anleiten.

    Während einer Mittagspause unterhalte ich mich mit einer der Teilnehmerinnen. Sie ist die Älteste und erstaunt ist über die Oberflächlichkeit, mit der der Yoga hier vermittelt wird. Wir vertiefen uns in ein Gespräch und ich erzähle ihr von meiner Haar-Erfahrung. Sie schaut mich an, lacht und sagte: „Hier in der Ausbildungsgruppe ist eine Teilnehmerin, die zu jedem Ausbildungswochenende Botox mitbringt und den anderen angehenden Yogalehrerinnen anbietet, sie zu spritzten.“ Weiter erklärt sie mir, dass die jungen Frauen immer mehr unter Druck kommen, weil sie auf Instagram primär schöne, alterslose, jung gebliebene Yogalehrerinnen sehen. Keine von ihnen hat mehr Falten. Sie alle strahlen ausnahmslos in die Kameras und vermitteln ihren Followern ewiges Glück, permanente Schönheit und strahlende Jugend. Etwas, was sie auch haben wollen!!

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    Farbe bekennen

    Ich bin betroffen und glaube, dass es an uns „älteren“ Frauen ist, Farbe zu bekennen. Zu uns selbst zu stehen. Nur so können wir dem ganzen Jugendwahn etwas entgegensetzen. Vielleicht können wir darüber hinaus auch junge Frauen dazu inspirieren, mehr nach innen zu schauen, damit sie sich auf die Suche nach der ihrer eigenen, wunderschönen Individualität machen. Zu einem einzigartigen Ausdruck des Lebens, der Weiblichkeit zu werden. Und nicht länger bereit zu sein, ein austauschbares Abziehbildchens eines Frauenbildes zu werden, dass wenig mit der Realität zu tun hat.

    Denn die „Jungen“ beobachten uns „Alte“ sehr genau. Und wenn nicht wir sie inspirieren können, wer dann? Und wenn wir es nicht jetzt tun, wann dann?! Das Leben geht schneller vorbei, als es den meisten von uns lieb ist. Und auch dann, wenn wir unsere Haare noch so lange schwarz, rot oder blond färben, so wird irgendwann der Moment kommen, wo wir unserem Alter ins Gesicht schauen müssen. Tun wir es mit Stolz und Würde, mit Selbstliebe und Dankbarkeit.

    Mein letzter Frisörbesuch ist mittlerweile für mich persönlich eine gefühlte Ewigkeit her. Ein „Schnitt“ habe ich nicht mehr. Ein Frisör wird mich so schnell nicht wiedersehen. Ich werde meine Haare jetzt einfach wachsen lassen. Solange, bis ich aus mir selbst heraus den Impuls habe, sie abschneiden zu lassen. Was ich aber als besonders spannend empfinde ist, dass meine Feinfühligkeit zunimmt. So, als wären meine Haare Antennen, die Verbindung aufnehmen mit anderen Seinsebenen und Energien. Insgesamt fühle mich seit dieser Yonimassage freier und weiblicher. Tiefer verbunden mit mir selbst. Und bereit endlich zu meinen wilden Locken zu stehen. Eine weitere Erfahrung in meinem Leben, die mir zeigt, dass es nie zu spät ist, sich selbst zu erkennen und die eigene Individualität zu leben.ch wieder auf der Bühne des kosmischen Theaters.

    Was für ein Mysterium, dieses Erdendasein….

    Dieser Text ist erschienen in www.spuren.ch

    Foto: Jan Romero

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