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Reisen: Der Franziskusweg – Ein berührender Pilgerweg im Herzen Italiens

    reisen: Der Franziskusweg

    Ein tiefberührender Pilgerweg im Herzen Italiens

    08/04/2026

    Der Franziskusweg: Wandern auf den Spuren des Franz von Assisi

    Es muss nicht immer der Jakobsweg sein. Eine Pilgerroute in Italien kann das Herz ebenfalls zutiefst berühren.

    Klick, klick, klick. Ich versuche, meine Wanderstöcke leise aufzusetzen. Sie sollen die wunderschöne Stille, durch die ich 250 km von La Verna nach Assisi durch die Toskana und Umbrien wandere, nicht stören. Klick, klick, klick. Mal dumpf, mal schrill, ausgelöst, wenn die Spitze des Wanderstocks auf einem Stein, auf Sand, auf Asphalt, mal laut, mal leise den Boden berührt, begleitet mich ich zehn Tage lang. Was ich ebenfalls immer wieder hören werde ist ein Schnaufen, ein Ächzten, ein Stöhnen, weil mich oder eine meiner zwei Weggefährtinnen der Anstieg von bis zu 1000 Meter auf einer Tagesstrecke körperlich fordert. Nicht umsonst gilt dieser Weg als einer der anstrengendsten Pilgerwege Europas. Dann werde ich auch immer wieder Mantren hören. Entweder in meinem Kopf oder leise vor mich hergechantet. Sie helfen mir ebenfalls, anstrengende Wegstrecken besser zu bewältigen. Und dann höre ich immer wieder von meinen Mitwanderinnen ein „Ach, wie schön!“ oder „Wow, wie toll ist die Landschaft!“ oder „Wie lecker schmeckt das denn…!“.

    Was das klick, klick, klick betrifft: es sind nur meine Wanderstöcke zu hören. Meine beiden jungen Weggefährtinnen, 25 und 30 Jahre alt, haben keine dabei. Sie brauchen keine, wie sie behaupten. Dass die Blasen und Muskelkater, über die sie jeden Abend lauten stöhnen, damit in Zusammenhang stehen könnten, dass sie keine Stöcke haben, glauben sie nicht. Ich schon. Denn ich bin doppelt so alt und hab weder Muskelkater noch Blasen. Oder liegt es an den guten Schuhen oder meiner regelmäßigen Yogapraxis oder dem Sport, der mich fit hält? Wer weiß es schon, wie die Dinge zusammenhängen.

    Die Strecke

    Der Franziskusweg ist im Vergleich zum Jakobsweg ein Geheimtipp. Während sich auf dem Weg nach Santiago die Pilger in Massen vorwärtsbewegen, haben wir nur sehr wenige Pilgern getroffen. Es gab Tage, an denen wir ganz allein auf den Spuren Franziskus wandelten. Dabei führte uns der Weg durch herrliche Landschaften von La Verna nach Assisi. Die meisten Pilger beenden ihre Tour hier. Andere nehmen diese Stadt als Startpunkt und wandern dann weiter nach Rom. Insgesamt ist die Strecke 436 km lang, hat 32.606 Höhenmeter, dauert 22 Tage und wird mittel bis schwer eingestuft. Die Route verläuft durch den toskanischen und umbrischen Apennin, durch die Hügellandschaft Umbriens und Latiums. Angelegt ist der Weg so, dass man immer wieder an Orte kommt, an denen der Heilige Franziskus gelebt und gewirkt hat. Auf unserer Wanderung war deutlich spürbar, wie sehr die Italiener ihren Heiligen Franziskus verehren und lieben. Als Pilger war man sehr freundlich zu uns und half uns, wo immer man konnte. Es ist für mich immer wieder eine zutiefst berührende Erfahrung, wenn ich auf Reisen auf offene Herzen und Türen treffen. Dann schäme ich mich immer wieder fremd dafür, wie in Deutschland mit Ausländern umgegangen wird.

    Der Heilige Franziskus

    Auf der Wanderung schien Franziskus auf eine besondere Art allgegenwärtig zu sein. Eine starke spirituelle Kraft und Energie waren an manchen Einsiedeleien oder Kirchen besonders spürbar. Aber wer war dieser Heilige, dieses Wesen, welches mit Tieren sprechen konnte? Geboren wurde er ca. 1181 in Assisi als Sohn eines reichen Kaufmanns. Er erlebte eine sorgenlose Jungend und zog als junger Mann, dem Lebensideal des Ritters folgend, in den Krieg zwischen Assisi und Perugia.

    In Gefangenschaft genommen erkrankte er schwer. Starke Zweifel über den Sinn des Lebens überkamen ihn und brachten ihn zum Gebet. Er hatte eine Vision, als er schlafend unter einem Baum von einer Stimme gefragt wurde: „Welchem Herren willst du folgen? Dem wahren oder dem falschen?“

    Ausgelöst durch solche Momente spürte er, dass der Ritterstand nicht sein Weg war und kehrte nach Assisi zurück. In dem verfallenen Kirchlein San Damiano, dass vor den Toren Assisis liegt, vernahm er während eines Gebets eine Stimme vom Kreuz, die ihn aufforderte: „Franziskus, geh und stelle mein Haus wieder her, – dass – wie du siehst – ganz verfallen ist.“ Diese Worte berührten sein Herz so tief, dass er sich umgehend an die Arbeit machte. Dieser Aufbau führte gleichzeitig zur Abkehr von den weltlichen Vorstellungen des Vaters und zur Abkehr vom weltlichen Leben. Er ging so weit, dass er auf einem Marktplatz alle Kleidung fallen ließ und sie seinem Vater zurückgab und sich mit dem Einsiedlerhabit bekleidete.

    Franziskus begriff sehr schnell, dass der Auftrag, den er vom Kreuz erhalten hatte, im übertragenen Sinn gemeint war. Seine konsequente Lebensführung und spirituelle Ausrichtung waren für viele Menschen so beeindruckend, dass sich ihm schon bald Gefährten anschlossen. Es waren ebenfalls Frauen und Männer wie er aus reichen Elternhäusern. Gemeinsam gingen sie nach Rom, um sich ihre Lebensform bestätigen zu lassen. Diese erhielten sie zuerst mündlich. Die endgültige Ordensregel verfasste Franziskus 1223 und erhielt danach auch die päpstliche Anerkennung.

    Liebe für alle Wesen

    Kennzeichnend für Franziskus war seine Liebe zu Christus und seine Hinwendung zum Evangelium. Er lebte eine Form der radikalen Armut, durch die er sich besonders mit Christus verbunden fühlte, die ihm aber auch viele Gegner einbrachte. Ein besonderes Kennzeichen war auch seine tiefe Verbundenheit zu allen Wesen, der Erde und dem Leben in seiner Essenz. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass er jedes Wesen seinen Bruder oder Schwester nannte. Den Vögeln predigte er und einen Wolf zähmte er. In seinem „Sonnengesang“, dass er am Ende seines Lebens schwer krank verfasste, gehört zu einem seiner bekanntesten. Darin kommt seine Liebe zu allen Geschöpfen und zu Gott zum Ausdruck.

    Höchster, allmächtiger, guter Herr,
    dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
    Dir allein, Höchster, gebühren sie,
    und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

    Gelobt seist du, mein Herr,
    mit allen deinen Geschöpfen,
    zumal dem Herrn Bruder Sonne,
    welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
    Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
    Von dir, Höchster, ein Sinnbild.

    Gelobt seist du, mein Herr,
    durch Schwester Mond und die Sterne;
    am Himmel hast du sie gebildet,
    klar und kostbar und schön.

    Gelobt seist du, mein Herr,
    durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
    und heiteres und jegliches Wetter,
    durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.

    Gelobt seist du, mein Herr,
    durch Schwester Wasser,
    gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

    Gelobt seist du, mein Herr,
    durch Bruder Feuer,
    durch das du die Nacht erleuchtest;
    und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.

    Gelobt seist du, mein Herr,
    durch unsere Schwester, Mutter Erde,
    die uns erhält und lenkt
    und vielfältige Früchte hervorbringt
    und bunte Blumen und Kräuter.

    Gelobt seist du, mein Herr,
    durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
    und Krankheit ertragen und Drangsal.
    Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
    denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.

    Gelobt seist du, mein Herr,
    durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
    ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
    Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
    Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen,
    denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

    Lobt und preist meinen Herrn
    und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.

    Aus: Dieter Berg, Leonhard Lehmann (Hg.), „Franziskus-Quellen“
    © 2009 Edition Coelde in der Butzon & Bercker GmbH

    Auf dem Ausgangspunkt unserer Wanderung, dem Kloster „La Verna“ empfing Franziskus 1224 die Wundmale Christi an seinen Händen, Füßen und an der Seite. Diese behielt er bis zu seinem Tod im Jahre 1226. Manche bezeichnen ihn deshalb als eine Reinkarnation Christus. La Verna ist ein magischer Ort. Sehr kraftvoll und sehr berührend. Hier meditieren zu können, war ein großes Geschenk. Im Schatten der Bäume, im Wäldchen oberhalb des Klosters einfach sitzen zu können eine große Offenbarung. In La Verna würde ich gerne einmal für länger verweilen. Meditieren. Innehalten. Sein.

    Das Ende seines Lebens verbrachte Franziskus, wo er auch heute noch allgegenwärtig ist. Seine Gebeine sind dort in der Basilika San Francesco. Ein unglaublich berührender Ort, den ich am Ende meiner Wanderung mehrfach besuchte. Dort wandelte sich das klick, klick, klick, in ein lautes unüberhörbares bumm, bumm, bumm. Es war das Schlagen meines Herzens, welches zutiefst berührt war von der zeitlosen Liebe des Heiligen Franziskus für alle Wesen, die auch heute noch allgegenwärtig ist.