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Sabine Rein im Interview: Genussvoll essen – nicht nur zur Weihnachtszeit!

    Sabine Rein im Interview: Genussvoll essen – nicht nur zur Weihnachtszeit!

    Genussvoll essen – nicht nur zur Weihnachtszeit

    Bissen für Bissen mit allen Sinnen genießen – das ist eine wunderbare Möglichkeit, um gesund und kalorienbewusst durch die Weihnachtszeit und ins Neue Jahr zu kommen. Wie genau das geht und warum achtsames Essen so wichtig ist, erklärt Sabine Rein, Küchendirektorin im MyMayrResort in Bad Birnbach.

    Genuss steht für Sie als Köchin zentral im Vordergrund. Wie können wir genießen und gleichzeitig auf unsere Gesundheit achten?

    Genuss und Gesundheit gehören für mich fast untrennbar zusammen. Wenn wir achtsam essen, spüren wir nicht nur besser, was wir brauchen, wir essen automatisch langsamer, verträglicher und ausgewogener. Ein genussvoller Bissen beginnt in dem Moment, in dem wir wahrnehmen, was vor uns liegt. Farbe, Geruch, Textur. Dieses bewusste Erleben entschleunigt. Genau diese Langsamkeit ist ein enormer gesundheitlicher Vorteil. Im My Mayr Med Resort sehen wir jeden Tag, wie stark sich eine ruhige, aufmerksame Esskultur auf Verdauung, Stoffwechsel und Wohlbefinden auswirkt. Genuss ist also nicht der Gegenspieler von Gesundheit, er ist ihr Türöffner.

    Viele Menschen glauben, gesundes Essen ein Verzichtsthema, doch das Gegenteil ist der Fall. Je bewusster wir essen, umso kleiner werden die Portionen, ohne dass wir uns eingeschränkt fühlen. Genau das schafft eine neue Beziehung zum eigenen Körper. wir merken schneller, wann wir satt sind, und treffen intuitiv bessere Entscheidungen bei der Auswahl. Außerdem entsteht durch achtsames Essen eine Form innerer Ruhe, die wir im Alltag oft vermissen. Wer seinen Mahlzeiten wieder Wert gibt, gibt gleichzeitig sich selbst Wert.

    Gesundheit beginnt für Sie bereits im Mund. Warum ist es so wichtig, dass wir achtsam und umfassend kauen. Wie viele Kaubewegungen braucht es?

    Kauen ist der größte Verdauungsschritt. Unser Körper besitzt keine Turbo-Verdauung, sondern eine sehr fein abgestimmte. Je besser wir kauen, desto leichter hat es unser Magen und desto weniger Energie verbraucht unser Körper. Viele Beschwerden, die Menschen für normal halten wie Müdigkeit nach dem Essen, Blähungen, das Gefühl eines schweren Magens sind oft schlicht Folgen von zu schnellem Essen. 30-40 bewusste Kaubewegungen pro Bissen können für viele Menschen bereits einen spürbaren Unterschied machen. Das Schöne daran ist, wer langsam isst, schmeckt mehr. Genuss und Gesundheit verstärken sich also gegenseitig.

    Hinzu kommt, dass sich Kohlenhydrate und Fette durch gründliches Kauen bereits im Mund zersetzen. Ein Prozess, den viele unterschätzen. Gleichzeitig werden Verdauungsenzyme aktiviert, die den Magen entlasten. Die Folge ist eine bessere Nährstoffaufnahme, also mehr Energie aus weniger Nahrung. Zudem hat langsames Essen einen überraschenden Nebeneffekt- wir essen automatisch emotional ausgeglichener. Das klingt unscheinbar, verändert aber das gesamte Essverhalten. Der Körper reagiert deutlich harmonischer, wenn wir ihm Zeit lassen.

    Worin besteht für Sie das ABC einer gesunden und genussvollen Ernährung?

    Antwort:

    Für mich besteht das ABC aus A = Achtsamkeit; Wie esse ich? Bin ich präsent? Vertraue ich meinem Körper? B = Balance. Keine Extreme. Ausgewogene, natürliche Lebensmittel, gute Fette, hochwertige Proteine, wertvolle Kohlenhydrate, viel Gemüse und natürlich Wasser. C = Konsequente Einfachheit; Ein Essen muss nicht kompliziert sein, um gut zu tun. Klare Zutaten, gute Qualität, wenig bis gar kein Zucker, wenig bis keine verarbeiteten Produkte. Das macht die größte Veränderung. Dieses ABC funktioniert zu jeder Jahreszeit, besonders aber jetzt im Winter, wenn Körper und Verdauung etwas mehr Ruhe brauchen.

    Wenn wir diese drei Grundpfeiler verinnerlichen, wird Ernährung zu etwas sehr Leichtem. Achtsamkeit hilft uns, unseren echten Hunger von emotionalem Hunger zu unterscheiden. Balance erinnert uns daran, dass wir nicht perfekt sein müssen, sondern langfristig denken dürfen. Und Einfachheit zeigt, dass hochwertige Lebensmittel und klare Zubereitung schon die halbe Miete sind.

    Wie können wir gesund durch die Advents- und Weihnachtszeit kommen, inklusive Silvesterparty, ohne dabei die Freude zu verlieren?

    Indem wir bewusst auswählen, statt komplett zu verzichten. Es geht nicht darum, jede Süßigkeit zu meiden oder keinen Gänsebraten zu essen. Es geht darum, wann, wie viel und mit welcher Haltung. Ein Teller Weihnachtsplätzchen schmeckt viel besser, wenn man ihn genießt, anstatt ihn nebenbei zu essen. Ein Trick aus der Praxis: Vor jeder festlichen Mahlzeit einen warmen Tee oder eine klare Gemüsebrühe trinken. Das nimmt Stress aus dem Körper, zentriert und verhindert, dass wir im Hunger-Modus zu schnell essen. Kleine, achtsame Portionen sind große Freude.

    Wichtig ist, dass wir die Festtage nicht als “Ausnahmezeit“ betrachten, sondern als Teil unseres Lebens. Wenn wir uns nicht in den typischen Schwarz-Weiß-Denkmustern bewegen, entweder diszipliniert oder übermäßig, bleibt der Druck draußen. Auch Bewegung an der frischen Luft kann helfen, den Körper im Gleichgewicht zu halten und gleichzeitig die Stimmung zu heben. Ein weiterer Punkt ist Schlaf, gerade in dieser Zeit unterschätzt. Wer gut schläft, isst automatisch ausgewogener und vor allem; Wir dürfen Traditionen genießen, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen.

    Was raten Sie den Leserinnen und Lesern, die auf den Christstollen, den Gänsebraten und all die anderen Leckereien zu Weihnachten und Silvester nicht verzichten wollen? Wie schaffen sie einen gesunden Neustart zum Jahreswechsel?

    Genießen, aber bewusst. Wenn man weiß: „Dieses Stück Stollen esse ich jetzt ganz bewusst und in Ruhe“, dann signalisiert man dem Körper Sicherheit. Danach ist der Neustart viel leichter. Viele Menschen machen den Fehler, sich schuldig zu fühlen. Schuld blockiert. Genuss öffnet. Ein gesunder Jahresbeginn startet nicht mit Verboten, sondern mit einer klaren inneren Entscheidung: Ich sorge gut für mich. Dazu gehören einfache Routinen wie, viel warmes Wasser, regelmäßige Bewegungen, ausreichend Schlaf und frische, natürliche Lebensmittel. Kleine Schritte mit großer Wirkung.

    Ein guter Trick ist, Süßes nichts als Mahlzeitersatz, sondern bewusst nach einer vollwertigen Mahlzeit zu essen, dann ist der Blutzucker stabiler. Auch hilft es, sich für die Lieblingsleckerei zu entscheiden, statt alles zu naschen. Menschen, die ohne Schuldgefühl genießen, starten deutlich entspannter ins neue Jahr. Und genau diese Entspannung ist die Grundlage für Veränderung. Ein Neustart gelingt nicht aus Härte, sondern aus Klarheit und Selbstfürsorge. Wer in sich hineinspürt, trifft automatisch gesündere Entscheidungen.

    Was ist für Sie ein absolutes No-Go beim Kochen?

    Das Überdecken schlechter Zutaten mit zu viel Zucker, Fett oder Zusatzstoffen. Eine gute Küche braucht keine Tricks. Authentische Lebensmittel, klarer Geschmack, ehrliche Zubereitung. Das ist für mich Qualität.

    Qualität beginnt beim Produkt und das schmeckt man. Wenn eine Zutat gut ist, darf sie für sich selbst sprechen. Ein No-Go ist für mich auch unnötige Hektik in der Küche, denn sie überträgt sich auf das Essen. Ebenso lehne ich es ab, Lebensmittel zu stark zu verarbeiten oder künstlich “perfekt“ machen zu wollen. Natürlichkeit ist für mich immer attraktiver als Perfektion. Ein Essen darf leben, Charakter haben. Zucker, künstliche Zusatzstoffe und stark verarbeitete Zutaten bringen unseren Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht, weil sie den Körper mit etwas konfrontieren, das e in dieser Form nicht kennt. Sie belasten Leber und Darm, fördern stille Entzündungen und stören die natürliche Kommunikation zwischen Verdauung, Hormonsystem und Gehirn. Je weniger Fremdstoffe wir unserem Körper zumuten, desto leichter kann er sich auf das konzentrieren, was ihn wirklich nährt.

    Was halten Sie von der Idee, dass unsere Gedanken beim Kochen und Essen unsere Verdauung maßgeblich beeinflussen?

    Sehr viel. Der Vagusnerv, unser großer Entspannungsnerv, spielt dabei eine zentrale Rolle. Entspannung aktiviert die Verdauung, Stress blockiert sie. Wenn wir mit Ruhe kochen und in einer angenehmen Stimmung essen, reagiert der Körper völlig anders. Das merkt man nicht nur am Wohlbefinden, das ist physiologisch messbar.

    Unsere Gedanken beeinflussen Hormone, Enzyme und sogar die Durchblutung des Verdauungstraktes. Menschen, die mit einem positiven Gefühl essen, fühlen sich nach den Mahlzeiten spürbar wohler. Diese Verbindung zwischen Psyche und Verdauung ist wissenschaftlich gut belegt und spielt in der modernen Medizin eine immer größere Rolle. Auch Rituale, ein kurzer Moment der Dankbarkeit oder ein bewusster Blick auf das Essen, können den Körper bereits entspannen. Essen ist niemals nur körperlich. Es ist immer auch emotional und mental.

    Der Vagusnerv ist dabei eine Art innere Schaltzentrale, die zwischen Entspannung, Verdauung und emotionaler Balance vermittelt. Wenn wir in Ruhe essen, aktivieren wir diesen Nerv, und damit den sogenannten Ruhe- und Regenerationsmodus des Körpers. Dadurch kann die Verdauung nicht nur effizienter arbeiten, sondern wir fühlen uns nach dem Essen auch spürbar ausgeglichener und zufrieden.

    Sabine Rein, Küchendirektorin im MyMayrResort, Bad Birnbach