Narren, weise und wild
Er ist eine vielschichtige und faszinierende Erscheinung: Der Narr. Wir finden ihn in Märchen, Mythen, spirituellen Weisheitsgeschichten, in Theaterstücken oder Kinofilmen. Er hat niemals nur eine humoristische Seite, sondern auch immer eine spirituelle Tiefe, die ihn diesem außergewöhnlichen Glanz verleiht. Lassen wir uns näher auf ihn ein, kann er zu seinem großen spirituellen Lehrer auf unserem Yogaweg werden.
Ein Narr begleitet mich persönlich schon lange auf meinem Weg. Es ist Mullah Nasruddin. Dieses Unikat ist bekannt für seine Geschichten. Sie sind oft absurd und witzig. Er wird häufig als einfache Mann dargestellt, der über eine große Weisheit verfügt. Er verhielt sich oft unorthodox und versuchte andere Menschen durch sein Verhalten wachzurütteln. In manchen Geschichten wird er benutzt, um gesellschaftliche Normen und menschliche Schwächen aufzudecken. Spirituelle Lehrer lesen Anekdoten über Nasruddin gerne vor, weil sie den Schülern das eigene Verhalten anhand einer Geschichte aufzeigen wollen. Hört man mit offenen Herzen zu, kann man sich selbst wiedererkennen, ohne dass der Lehrer seine Schüler mit erhobenem Finger belehrt.
Die genaue Herkunft von Nasruddin ist nicht bekannt. Es ranken sich zahlreiche Geschichten um seine Figur, von denen viele mündlich überliefert wurden und entsprechend unterschiedlich dargestellt wurden. Es gibt Quellen, die ihn als historische Person darstellen, die im 13. Jahrhundert in Anatolien oder Persien lebte. Andere Quellen gehen davon aus, dass er aus der Region von Konya stammt. Es ist jene Stadt, in eng mit dem berühmten Sufi-Mystiker Rumi in Verbindung gebracht wird. Wieder andere sagen, dass es sich bei ihm um eine erfundene Person handelt.
Nasruddin wird besonders im Orient verehrt, aber er ist auch in vielen anderen Ländern bekannt als weiser Narr. Seine Geschichten zeichnen sich häufig durch Ironie und Humor auf, enthalten praktische oder tiefgründige Weisheit. In vielen Anekdoten stellt nicht nur den Einzelnen, sondern auch gesellschaftliche Autoritäten und Normen in Frage. Auch wenn die Handlungen bereits Jahrhunderte zurückliegen, so ist der Kern der Geschichte zeitlos, weil er das menschliche Verhalten widerspiegelt. Eine seiner bekanntesten Geschichten ist die Geschichte mit dem Esel.
Nasruddin und der Esel
Mullah Nasruddin und sein Sohn wollten einen Bruder von Nasruddin besuchen. Dieser lebte in einem Dorf wohnte, das eine gute Tagesreise von seinem eigenen Zuhause entfernt war. Da der Weg so lang war, setzte der Vater seinen Sohn auf einen Esel. Er lief hinter dem Esel und trieb ihn auf diese Weise zum Gehen an. Es dauerte nicht lange, da liefen sie an ein paar Bauern vorbei, die auf einem Feld arbeiteten. „Das gibt’s doch nicht!“ riefen sie. „So sieht eine gelungene Erziehung aus!“ Dann sprachen sie den Jungen direkt an und riefen: „Hast du denn gar keinen Respekt vor deinem Vater? Du bist jung und lässt deinen Vater in der senkenden Hitze hinter dir herlaufen. Schäme dich!!!“ Der Sohn erschrak, wurde vor Scham rot im Gesicht, sprang sofort ab und forderte seinen Vater auf, sich auf den Esel zu setzen. Es dauerte nur ein paar Minuten, da kamen sie an einem weiteren Feld vorbei. Dort stand eine weitere Gruppe von Bauern. Sie schauten Nasruddin entsetzt an und riefen „Was für ein schlechter Vater bist du! Du lässt dein Kind wie einen Lakaien hinter dir herlaufen und sitzt da, wie ein König. Schäme dich!“. Jetzt fühlte Nasruddin sich schlecht und sagte: „Komme, setze dich vor mir auf den Esel. Wir können gut beide hier sitzen. Es dauerte nicht lange, da kam sie an einen Brunnen und hörten die Frauen schimpfen, die dort standen: „Was für Verbrecher. Das arme Tier sinkt durch ihr Gewicht beinahe in die Knie.“ Sie ritten weiter und ein kurzes Stück hinter dem Brunnen ließ Nasruddin den Sohn absteigen. Jetzt liefen sie beiden hinter dem Esel her, der sich freute, mit dem Schwanz wedelte und laut „Ia Ia“ schrie. Es dauerte nicht lange, als ihnen eine Gruppe von Männern entgegenkam und sie lauthals auslachten: „Was für Idioten sind das! Ihr habt einen starken Esel. Anstatt ihn als Reittier zu nutzen, lauft ihr hinter ihm her. Wer von euch ist der Chef? Der Esel oder ihr?“ Nasruddin schaute zu seinem Sohn und sagte: „So funktioniert die Welt, mein Sohn. Egal was du tust. Es gibt immer jemanden, dem es nicht passt.“
Narren im Abendland
Auch in unseren Gefilden gibt es die Figur des Narren. Ihre Ursprünge reichen weit zurück in die Geschichte. Seit Alters her versuchen sie, uns nahezubringen, die Welt mit einem offenen Herzen zu betrachten und uns selbst nicht zu ernst zu nehmen. In der Antike durften sie bereits mit Hilfe ihres scharfen Verstandes und ihres außerordentlichen Humors gesellschaftliche Normen hinterfragen.
Der „Simplicius“, ein Protagonist in der griechischen Komödie spiegelte die Absurdität des menschlichen Verhaltens sehr deutlich wider. Im Mittelalter entwickelte sich der Narr weiter und fand seinen Platz im Hofleben. Die Hofnarren waren oft die einzigen, die die Monarchen offen kritisieren konnten, ohne dafür bestraft zu werden.
Auf humorvolle Weise prangerte er die politischen und gesellschaftlichen Missstände an, die auf Lasten der Könige ging. In der Renaissance gelang den Narren der Weg ins Theater und in die Literatur, wo sie ebenfalls gesellschaftliche und politische Missstände mit messerscharfem Verstand analysierten und humorvoll vermittelten.
Zu den bekanntesten Narren des Abendlandes zählen die Narren, die William Shakespeare erschuf. Feste aus „Was ihr wollt“ und der Narr aus „König Lear“. Feste war ein kluges und spitzzüngiges Wesen, dass seine Mitmenschen durch seine Ironie und seinen Witz herausforderten. Der Narr aus König Lear war ein wichtiger Begleiter des Königs und spiegelte die Absurdität der Dinge wider, die um ihn herum geschahen. Zwei weitere bekannte Figuren, die mit den Eigenschaften des Narren ausgezeichnet sind, sind Harlekin und Till Eulenspiegel. Harlekin ist bekannt für seine bunten Kostüme, seinen scharfen Verstand und seine Fähigkeit, selbst in schwierigen Herausforderungen kreative Lösungen zu finden. Till, ein deutscher Narr ist bekannt für seine Streiche. Ihm gelang es wie keinem anderen seiner Zeit, Heuchler und korrupte Menschen seiner Zeit mit Humor und Klugheit bloßzustellen.
Mehr Narren, bitte!
In der heutigen Zeit nehmen Satiriker die Funktion der Narren ein. Sie kritisieren Staat und Gesellschaft und prangern gegenwärtige Zustände an. Auch sie dürfen kritisieren, allerdings ist in den letzten Jahren spürbar, dass ihre Kritik nicht mehr so gerne gehört wird, wie noch vor ein paar Jahren.
Ich persönlich würde mir besonders in spirituellen Kreisen mehr Narren wünschen. Menschen, die ihre Schülerschaft mit Humor und einem klaren Geist, mit einem offenen Herzen und Intelligenz zur Erleuchtung bringen. So wie es Nasruddin tat:
Jeden Morgen besuchte Nasruddin den einen großen Basar. Mehr als hundert Menschen folgte ihm. Ganz gleich, was er tat, die Menschenmenge machte es ihm sofort nach. Wenn Nasruddin sich vor einem Baum verneigte, so tat es auch seine Gefolgschaft. Ging der dann langsam weiter und rief „OM“ und streckte dabei seine Hände zum Himmel, taten auch dass alle seine Anhänger. Als sie an einem Gewürzstand vorbeikamen, dem ein Freund von Nasruddin gehörte, verneigte sich Nasruddin vor diesem. Auch hier taten es ihm alle gleich. Sein Freund fragte ihn erstaunt: „Was soll das? Warum machen es dir alle nach?“ Nasruddin lächelte ihn an und sagte: „Man hat mich zum Guru gemacht. Und das sind alle meine Schüler. Ich führe sie zur Erleuchtung!“ Woran erkennst du, dass sie die Erleuchtung erlangt haben?“. „Das geht ganz einfach“, antwortete Nassrudin: „Ich zähle sie jeden Morgen. Diejenigen, die weggegangen sind, haben die Erleuchtung erlangt.“
Zum Weiterlesen: Idries Shah: Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mulla Nasrudin. HERDER spektrum, ISBN-13: 978-3451052088, 2001, 8,99 EURO





