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Achtsam reisen zwischen Ewigkeit und Espresso

    Achtsam reisen zwischen Ewigkeit und Espresso

    10/04/2026

    Rom – Zwischen Ewigkeit und Espresso

    Rom ist keine Stadt. Rom ist ein Stück Zeitgeschichte. Es ist das Herz des christlichen Glaubens, ein Ausdruck des Dolce Vitas und des Patriacharts.

    Rom ist aber auch ein Gefühl, das mich durchdrungen hat, während ich glaube, einfach nur durch Straßen zu gehen. Aber irgendwann merkte ich, dass es mich berührt, im tiefsten Innern.

    Ich erinnere mich an mein erstes Innehalten. Zwischen hupenden Vespas und Autos, dem Duft von frisch gebackener Pizza, klirrender Weingläser und einer Sonne, die alles in ein warmes Gold tauchte. Es war laut, lebendig, fast chaotisch und gleichzeitig lag darunter eine tiefe, fast ehrfürchtige Macht der Kirche. Eine Macht, die sich in all den Häusern, Kirchen, Statuen, Museen und Plätzen widerspiegelte. In einer 2-stündigen Stadtrundfahrt erfuhr ich hier auch eine Dichte von Geschichte, wie ich sie nie zuvor irgendwo auf der Welt so unmittelbar und offensichtlich erlebt habe.

    Rom ist ein Ort der Gegensätze
    Was mir besonders an ihr gefiel, ist die Leichtigkeit, die sich trotz kirchlicher Verbote und Regeln überall zeigt: lachende Menschen vor Eisdielen, Canabisläden hier und dort, das Klirren von Wein- und Biergläsern noch bevor die Kirchenglocken 12 Uhr geschlagen haben, der erste Biss in eine Pizza, der erste Schluck vom Aperol, verliebte Paare, die sich küssen. Und dann immer wieder auf meinen Spaziergängen durch die Stadt: die Schwere: massive Kirchen, jahrhundertealte Mauern, die Geschichten von Macht, Glauben und Kontrolle erzählen.

    Nie zuvor habe ich es so bewusst wahrgenommen wie in Rom und insbesondere im Vatikan. Hier offenbarte sich nicht nur ein architektonisches Meisterwerk und ein außerordentlicher Kraftort, sondern auch Räume, die etwas in mir berührten, das älter war als mein eigener Körper. Mit jeder Zelle meines Körpers wurde mich die Macht des der Vatikanstadt bewusst. Sie ist als unabhängige Enklave mit nur ca. 0,44 Quadratkilometern Fläche der kleinste international anerkannte Staat der Welt, sowohl nach Fläche als auch nach Einwohnerzahl. Hier wurde mir so deutlich bewusst: Der Einfluss der Kirche ist nicht einfach Geschichte. Er lebt in uns weiter. Auch jetzt noch, wie immer mehr Menschen aus der Kirche austreten.

    Wir haben diese Doktrinen mit der Muttermilch aufgenommen. In Form von Moralvorstellungen, Schuldgefühlen, Sehnsüchten nach Erlösung, nach „richtig“ und „falsch“. Selbst wenn wir glauben, uns davon gelöst zu haben, wirkt er weiter subtil, fast unsichtbar. Das nehme ich immer wieder wahr, besonders dann, wenn Menschen mir in meinen Einzelberatungen von ihren Schuld- und Schamgefühlen erzählen, wenn sie unbändige Lust empfinden, sich als Frau verwirklichen wollen, sich stark und mächtig fühlen und ihr eigenes Leben leben wollen.

    Und dann stand ich vor dem Kunstwerk, von dem ich seit vielen Jahren in meinen Kursen erzähle: die Pietà. Diese stille Darstellung von Schmerz und Hingabe berührte mich auf eine Weise, die ich nicht erklären kann. Es war nicht nur die Perfektion der Form. Es war die Energie dahinter. Es war die Geschichte eines jungen Künstlers, der etwas erschaffen hat, das größer ist als er selbst. Ein Moment, in dem Kunst zur Meditation wird. Ich blieb lange dort. Ich sah mit eigenen Augen, wovon ich viele Jahre lang immer nur in Form der folgenden Geschichte erzählt habe.

    Die Pietà in uns

    Michelangelo war ein begnadeter Künstler und Bildhauer. Eines Tages ging er in Florenz spazieren und kam an einem Geschäft für Steinblöcke vorbei. Er schaute sich die Steinblöcke auf dem Hof an und entschied sich für einen bestimmten. „Diesen Block will ich kaufen.“

    Der Marmorhändler erwiderte: „Dieser Block ist nicht gut. Er hat zu viel Maserung. Den kann ich nicht empfehlen.“ Michelangelo bestand aber darauf.
    „Nein, genau den will ich haben! Ich komme hinterher vorbei und zeige dir, was daraus geworden ist.“

    Aus diesem Marmorblock schuf Michelangelo die Pietà – jene wunderschöne Skulptur, die heute im Petersdom in Rom steht. Sie zeigt Mutter Maria mit dem toten Jesus auf den Armen. Ein Kunstwerk solcher Tiefe, dass Worte daran fast abgleiten.

    Als er die fertige Pietà dem Steinhändler zeigte, fragte dieser erstaunt:
    „Aus diesem Block hast du sie gemacht?“

    Michelangelo antwortete ruhig:
    „Nein. Ich habe sie nicht gemacht. Sie war die ganze Zeit schon darin. Ich habe nur alles entfernt, was nicht dazu gehörte.“

    Und genau darin liegt ihre eigentliche Kraft.

    Denn vielleicht ist es auch bei uns so.

    Die Pietà – die stille, strahlende Schönheit unseres Wesens – ist nicht etwas, das wir erschaffen müssen. Sie ist längst da. Immer schon. Wir müssen nichts hinzufügen, nichts werden, nichts erreichen.

    Vielleicht geht es nur darum, Schicht für Schicht abzutragen: die alten Geschichten, die wir über uns glauben, die Stimmen von Schuld und Bewertung, die Prägungen, die wir mit der Muttermilch aufgenommen haben.

    Und selbst wenn sich Marmor darübergelegt hat – oder Staub, oder alte Verletzungen, oder die lauten Erzählungen unseres Egos – bleibt etwas in uns unberührt.

    Still. Klar. Ganz.

    In den schönen Momenten genauso wie in den schmerzhaften. Ohne Unterschied.

    Wechselnde Stimmungen

    Doch Rom ließ mich nie zu lange in einer Stimmung verweilen. Kaum trat ich aus einem Gebäude hinaus, fand ich mich zurück im Leben. Paare, die sich küssen. Menschen, die diskutieren. Nonnen, die staunen und Mönche, deren Blicke auf die vollen Teller in den Restaurants hängenblieben. Der Duft von Kaffee.

    Und natürlich zeigten sich mir auch die Schattenseiten, die überall offensichtlich sind. Kriminalität, Unsicherheit, dieses leichte Gefühl von Wachsamkeit, das mich begleitete. Auch das gehört dazu. Auch das ist Teil der Realität.

    Aber genau das habe ich, als das erlebt, was Rom ausmacht: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Und wo das Heilige ist, ist das Profane nicht weit. Genauso wie das Schöne und das Unbequeme oft ganz eng beieinanderliegen. Und natürlich: Die Vergangenheit und der Moment.

    Besonders wohl bei all den katholischen Kirchen und Denkmälern der letzten Jahrhunderte fand ich einen besonderen Ausgleich in einem Raum, der auf den ersten Blick so gar nicht zu den alten Kirchen passen will und vielleicht gerade deshalb so gut dazugehört: das MAXXI, das Museum für zeitgenössische Kunst. Ein Ort, der nicht aus der Vergangenheit spricht, sondern aus der Bewegung.

    Gebaut auf einem ehemaligen Militärgelände, durch viele Widerstände hindurch, getragen von der Vision einer Frau, die sich gegen Widerstände, Bürokratie und Zweifel behauptet hat. Schon das allein ist eine Geschichte von Kraft und Beharrlichkeit.

    Das Gebäude selbst wirkt wie ein Fluss aus Beton. Nichts ist starr. Linien verlaufen nicht gerade, sondern folgen einer inneren Dynamik. Räume öffnen sich, verschieben sich, laden dich ein, dich zu verlieren – und neu zu orientieren.

    Während mich zwischendurch immer wieder die Schwere der Geschichte zu erdrücken schien, nahm ich hier etwas ganz anderes wahr: einen weiten und offenen Geist.

    So, wie ich es liebe und so, wie sich für mich auch Spiritualität ausdrücken darf.
    Keine Dogmen. Keine festen Vorgaben. Keine Missionierung. Dafür aber offene Räume, Licht. Kreativität. Bewegung. Wahrnehmung.

    Für mich hat es genau diesen Gegenpol gebraucht, als eine Hinwendung zur Gegenwart und Zukunft: der Gleichstellung der Frauen in allen Lebensbereichen.

    Stille Orte

    Und dann gibt es natürlich diese bezaubernden kleine Plätze, versteckte malerische Innenhöfe, alte Kraft spendende Bäume, wunderschöne Brunnen, die leise vor sich hinplätschern. Kraftorte, die mich immer wieder eingeladen haben, einfach zu sein. Ohne Rolle. Ohne Geschichte.

    Rom war für mich keine Bildungsreise oder ein Eintauchen in Kunst und Geschichte. Es war ein Augenöffner und hat mir vielmehr etwas gezeigt, nämlich dass wir noch viel mehr geprägt sind als wir dachten und tiefer und umfassender, als wir oft glauben.

    Dies wahrzunehmen und sich immer wieder zu fragen: Wer bin ich wenn all die Geschichten, die Prägungen, die Manipulationen und die Dogmen wegfallen. Wer oder was zeigt sich dann?!

    Unsere Essenz. Dieses große Kunstwerk, welches sich in Michelangelos Geschichte offenbart, nachdem er all das weggetan hatte, was nicht dazugehörte.

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