Was Meditation nicht heilen kann
Dem Buddha gelang durch die Meditation das endgültige Erwachen aus dem Leiden. Was aber ist mit traumatisierten Menschen? Ist Meditation auch für sie ein Weg in die Freiheit oder kann sie unter Umständen zu noch mehr Leid führen? Die Traumaexpertin Professor Dr. Luise Reddemann beantwortet hierzu wichtige Fragen.
Doris Iding: Meditation ist in den letzten Jahren weit über buddhistische Kreise hinaus salonfähig geworden. Neurowissenschaftliche und psychologische Studien haben gezeigt, dass sich Meditation positiv auf das Gehirn und den Geist auswirkt. Die Frage ist aber, ob sie tatsächlich für alle Menschen gut ist und an Sie als Traumatherapeutin gerichtet: Wie hilfreich ist Meditation für traumatisierte Menschen?
Professor Dr. Luise Reddemann: Meditation ist ein weites Feld. Da muss man differenzieren. Ich selbst habe mit Mantras sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn man sich auf einen bestimmten Satz konzentriert, den man in seiner Bedeutung vielleicht noch nicht einmal versteht, kann das sehr beruhigend wirken. Das ist für viele Menschen sehr hilfreich. Genauso unterstützend kann ein traditionelles Mantra sein. Auch damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Ich selbst habe mit meinen Patienten und Patientinnen bei Stressbewältigungstrainings auch gesungen. Natürlich war das freiwillig. Ich habe angekündigt, dass wir am Schluss Mantras singen werden und dass die Teilnahme daran freiwillig ist. Viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind dageblieben und haben mitgesungen. Besonders gerne singe ich persönlich das Mantra für Mitgefühl / liebende Güte. Dieses Mantra können die Patienten und Patientinnen im Allgemeinen gut annehmen. Sie singen es im Alltag oder wiederholen es in der Meditation
Genauso hilfreich ist es für viele Patienten, sich eine heilende Gestalt wie Tara oder Maria vorzustellen.
Wissen Sie, ob auch andere Traumatherapeuten mit Mantras arbeiten?
Ich habe eine Arbeit gelesen aus Kambodscha. Dort haben sich hauptsächlich Mönchen um schwer traumatisierte Menschen gekümmert und ihren Patienten Mantras gegeben und damit gearbeitet. Das hat mich bestätigt, dass etwas, auf das man sich konzentrieren kann und das in der Vorstellung eine Hoffnung nährt, heilsam ist.
Welche Formen der Meditation sind nicht gut für traumatisierte Menschen?
Die traditionelle Achtsamkeitsmeditation stellt meinem Eindruck nach für Betroffene eine Überforderung dar. Sie ist viel zu offen. Wenn man mit der Haltung sitzt, dass alles da sein darf, was ist, kann es passieren, dass unverarbeitete Erlebnisse hochkommen, und man weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Dann sind die Patienten und Patientinnen den Erinnerungen ausgeliefert und das retraumatisiert. Deshalb sollte man meiner Ansicht nach vorsichtig mit Achtsamkeitsmeditationen umgehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um traditionelle Formen der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation handelt oder um Achtsamkeitmeditationen im Rahmen von MBSR (Stressreduktion durch Achtsamkeit). Patienten und Patientinnen, denen ich das angeboten habe, fühlten sich eher gestresst als unterstützt. Natürlich gibt es auch Menschen, die von dieser Praxis profitieren. Ich würde allerdings zu größter Vorsicht raten.
Kann man grob sagen, dass bewusstseinsfokussierende Techniken gut sind und bewusstseinsleerenden Techniken eher nicht gut sind?
Das kann man grob so sagen. Man muss aber immer nach dem einzelnen Menschen schauen. Die Meditationslehrerin Sylvia Wetzel erzählt, dass sie auch immer wieder traumatisierte?? Menschen hat, die gut mit dieser Meditationsform zurechtkommen. Trotzdem ist auch sie vorsichtig damit. Ich habe auch Patienten und Patientinnen gehabt, die seit vielen Jahren Achtsamkeitsübungen praktizieren. Ihre Probleme werden davon überhaupt nicht berührt, die bleiben unverändert. Mein Konzept basiert auf der Annahme, dass wir verschiedene Ich-Anteile besitzen und mit verletzten Anteilen sehr behutsam umgehen müssen. Im Fall dieser Menschen werden die gesunden Anteile erreicht, aber noch lange nicht die traumatisierten. Das bedeutet in Bezug auf ihre Traumatisierungen, dass es ihnen während der Meditation gutgeht, aber sobald sie vom Meditationskissen aufstehen, fühlen sie sich wie vor der Meditation.
Es ist ja auch nicht das Ziel der Meditation, mit verletzten Anteilen zu arbeiten, oder?
Meditation ist nicht in erster Linie als Behandlungsmethode konzipiert. Und man sollte sich dessen bewusst sein, dass sie traumatisierten Menschen auch schaden kann. Ich tausche mich immer wieder mit buddhistischen Lehrenden aus, die zum Teil jahrelang in Retreats waren. Von einigen habe ich gehört, dass vor 20, 30 Jahren viele Leute in diesen Retreats vollkommen dekompensiert sind. Erst kürzlich hat jemand meinen Rat gesucht, weil er über drei Jahre in einem Retreat war. Er meinte, es wäre einfach nur furchtbar gewesen, weil er große psychische Probleme hatte, die sich in Panikattacken geäußert haben. Niemand hat ihm geholfen, weil der Meditationslehrer, der das Retreat geleitet hat und keine Erfahrung und kein Wissen im Umgang mit solchen Erkrankungen hatte. Ich verstehe mich als eine Heilerin und ich möchte Menschen helfen und sie möglichst von ihrem Leiden befreien, ohne sie durch das Leiden zu führen, damit es ihnen bessergeht. Manche Menschen sehen das anders. Sie sagen: Man muss durch das Leiden durch.
Ich denke, dass Psychotherapie und Meditation noch viel voneinander lernen können. Ich glaube aber, dass einem Meditationslehrer oftmals der psychotherapeutische Hintergrund fehlt und er dadurch nicht weiß, wie mit Menschen umgangen werden sollte, die psychische Probleme haben und umgekehrt erscheint mir die Sicht vieler Therapeuten auf den Menschen zu begrenzt.
Die klassische Psychotherapie hat nichts mit Ethik und Spiritualität zu tun. Eine Verbindung herzustellen war lange sehr verpönt. Das verändert sich mittlerweile aber etwas.
Ich höre ich immer wieder, dass Meditierende während der Meditation überhaupt nicht mit ihrem Körper in Kontakt sind, meinen, in kosmischen Ebenen zu schweben, sich aber eigentlich eher vom Körper abspalten und an ihrem Trauma vorbei dissoziieren.
Solange das funktioniert, ist es gut. Diese Menschen helfen sich quasi selbst. Andererseits kann eine solche Reaktion den Dissoziationsmechanismus verstärken und man hat nichts davon.
Doris Iding: Ich kenne dies aus eigener Erfahrung und habe es aber lange nicht bemerkt, was ich da tue.
Professor Dr. Luise Reddemann: Sie haben nichts gemerkt?
Doris Iding: Nein. Ich habe mich immer nur darüber gewundert, wie leicht mein Zugang zu anderen Bewusstseinsräumen war. Ich habe damals gedacht, dass ich – auch wenn es komisch klingt – schon weit vorangeschritten bin in meiner Praxis, aber überhaupt nicht realisiert, dass ich letztlich nicht in meinem Körper bin und eigentlich dosspuooere.. Das habe ich erst erkannt, als ich mit einer Traumatherapie begonnen und flankierend Körperarbeit mit einbezogen habe. In diesem Zusammenhang ist mir dann auch aufgefallen, dass es vielen Menschen in der spirituellen Szene so geht wie mir und diese Form der Flucht ein weitverbreitetes Phänomen ist. In meinen Augen ist dies aber eine abgehobene Spiritualität und keine verkörperte. Durch meine journalistische Arbeit mit spirituell Praktizierenden komme ich viel in der Yoga-, Achtsamkeits- und Meditationsszene herum und bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen sich von der Wahrnehmung ihres eigenen Körpers abgespalten haben.
Das sehe ich genauso. Diese Menschen spüren sich selbst nicht, meditieren und merken nicht, dass sie nicht dabei sind. Langfristig ist dies natürlich keine optimale Lösung. Solange die Betroffenen es nicht bemerken, kommen sie einigermaßen gut klar. Sobald ihnen dann aber bewusst wird, wie sehr sie sich abgespalten haben, kommen die Zusammenbrüche. Ich als Psychotherapeutin empfehle meinen schwerkranken Patienten und Patientinnen nicht, traditionelle Achtsamkeitsmeditation oder MBSR zu machen.
Warum genau sind diese Meditationen so problematisch?
Das hat mit Kontrollverlust zu tun. Bei der traditionellen Achtsamkeitsmeditation geht es darum, die Kontrolle loszulassen und stattdessen den offenen Raum zu erleben. Ganz gemäß dem Motto: Komme, was wolle. Wer traumatische Erfahrungen gemacht hat und bei dem die Chance besteht, dass viel Schmerzhaftes hochkommen kann, der muss sehr stark und darauf vorbereitet sein. Diese Stärke bringen die Betroffenen in der Regel aber nicht mit und dissoziieren. Es empfiehlt sich also, nach meditativen Möglichkeiten zu schauen, bei denen man sich – wie zu Beginn des Interviews gesagt – auf etwas konzentriert. Die liebende Güte-Meditation zum Beispiel. Wenn es mir persönlich schlecht geht, hilft sie mir immer.
Was ist mit der Atemmeditation?
Nein, die ist auch nicht zu empfehlen. Bei vielen Menschen öffnet sie gleich viel zu viel. Deshalb rate ich auch hier zur Vorsicht. Die Konzentration auf den Atem halte ich für relativ riskant. Die Konzentration auf den atmenden Körper ist hingegen möglich. Das wird traditionell auch teilweise empfohlen. Zum Beispiel auf das Heben und Senken des Brustkorbs. Das ist aber etwas anderes, als auf den Atem achten. Einfach nur auf den Atem zu achten kann dazu führen, dass sich traumatisierte Personen ausgeliefert fühlen und Angst und Panik bekommen.
Sie fühlen sich dann dem Atem ausgeliefert?
Ja und darum rate ich zur Vorsicht, auch wenn das wieder nicht für jeden gilt. Man muss immer genau hinschauen und darauf achten, was der einzelne Mensch braucht. Aber genau das ist nicht möglich, wenn in Gruppen geübt wird oder eine große Gruppe angeleitet wird. Ich höre von Kolleginnen in Kliniken, die MBSR anbieten, dass viele Patienten im Verlauf der acht Wochen abbreche. Es gibt so viele schöne körperorientierte meditative Techniken. Bessel van der Kolk hat in seinem Buch „Verkörperter Schrecken“ beschrieben, dass In-Bewegung-sein sehr gut ist. Tai Chi kann sehr hilfreich sein, auch Yoga. Konzentration, Bewegung und Kontrolle in der Körperarbeit kann Betroffene weiterbringen. Wenn dann zunehmend eine größere Sicherheit entwickelt wurde und mehr Stabilität besteht, sind irgendwann auch Achtsamkeitsübungen traditioneller Art möglich. Allerdings haben die meisten Betroffenen immer wieder Phasen, in denen sie sich instabil fühlen.
Aber was ist, wenn man eine große Sehnsucht danach hat, in die Stille einzutauchen oder die Kontrolle loszulassen? Mir persönlich geht es so.
Was erhoffen Sie sich von einem traditionellen Achtsamkeits-Retreat?
Ich möchte gerne wieder in Kontakt kommen mit der Stille und dem reinen Gewahrsein in mir, weil dieser Teil nicht traumatisiert ist.
Aber dafür muss man ja keine Achtsamkeitsmeditation machen. Sylvia Wetzel zitiert oft die Worte eines indischen Meisters, der sagt: „Die Stille ist immer da! Du kannst die Stille immer wahrnehmen.“ Hier haben Sie also wieder einen Fokus. Ich spreche jetzt als Psychotherapeutin und nicht als Meditationslehrerin. Es ist natürlich möglich, sich auf etwas Ersehntes einzulassen, bei dem man spürt, dass es gut tut. Besonders dann, wenn man relativ viel Verletztes in sich hat. Wenn dann wieder das Risiko besteht, dass die Welt wieder einzustürzen droht und man sich zu verletzlich fühlt, dann sollte man das lieber lassen. Ich selbst kann jetzt sehr gut auch traditionelle Achtsamkeitsmeditation machen, aber auch nicht immer. Ich mag sehr gerne die liebende Güte Meditation. Das war für mich eine große Entdeckung.
Ich finde es sehr hilfreich, wenn Sie „nicht immer“ sagen. Für mich ust es immer wieder frustrierend, wenn sich in meiner Praxis nach einer Phase der Stabilität wieder ein Gefühl von Bodenlosigkeit einstellt und das Gefühl von Verlorensein zurückkehrt.
Mit der Zeit spürt man, was einem guttut. Wenn man mit einer Praxis anfängt und merkt, dass sie einem gerade nicht guttut, sollte man sie lassen. Hier ist es wichtig, sich aus der Abhängigkeit von Schulen, Empfehlungen und auch von Lehrenden zu lösen. Auch der Buddha hat gesagt, dass man alles selbst prüfen und schauen soll, dass es für einen selbst passt. Ich selbst bete ab und zu meine Kindergebete. Das ist manchmal gut für mich, obwohl ich gar nicht mehr dran glaube. Aber das tut den kleinen Kindern in mir gut.
Ich finde es eine große Herausforderung, herauszufinden, was mir selbst guttut. Es gab Zeiten, da habe ich versucht, auf dem Meditationskissen sitzen zu bleiben, auch dann, wenn der Impuls kam, aufzustehen und etwas anderes zu machen. Diese Zeiten waren für mich teilweise die Hölle, weil ich die totale Übererregung meines Nervensystems für einen „normalen“ unruhigen Geist gehalten habe. Ich war sehr zerrissen. Da war eine tiefe Sehnsucht in mir, in der Stille zu verweilen, und dann aber die körperliche Unfähigkeit, lange auf dem Meditationskissen sitzen zu können.
Sie können auch in den Wald gehen. Da ist auch Stille. Es gibt so viele Möglichkeiten. Vieles, was verkündet wird, ist sehr dogmatisch. Wenn ich das wirklich ernstnehme mit dem Mitgefühl, kann ich doch Menschen nicht Sachen machen lassen, die ihr Elend verschlimmern. Ich rede jetzt als Ärztin. Ich bin keine Meditationslehrerin.
Nicht jeder Mensch kennt sich mit Trauma aus und nicht jeder Praktizierender. Und auch nicht jeder Meditationslehrer.
Heutzutage sollten sich die Meditationslehrer im Westen ein gewisses psychologisches Wissen aneignen. Hat man dieses Wissen, merkt man, ob ein Mensch traumatisiert ist. Wenn man sich wirklich die Zeit nimmt, mit den Teilnehmenden zu sprechen, erkennt man schnell, was in ihnen vorgeht. Dann kann man als Lehrer immer noch aus Respekt vor dem Menschen sagen: „Möchtest du das jetzt wirklich weitermachen?“ Es ist doch spürbar, ob es einem Teilnehmenden mit der Zeit immer schlechter geht oder nicht.
In meinen Augen haben Lehrende die Pflicht, auf die Bremse zu treten, wenn ein Teilnehmer immer mehr leidet. Sie haben die Pflicht, sich kundig zu machen und darauf acht zu geben, wie es ihren Teilnehmern geht. Es kann nicht sein, dass jemand drei Jahren lang in einem Retreat sitzt, es ihm nur schlecht geht und dies niemanden wirklich interessiert.
Ich hatte immer die Vorstellung: Irgendwann habe ich meinen Geist bezwungen und „bin durch“.
Das ist eine Illusion. Das stimmt einfach nicht. Durch ist man nie. Wenn man erleuchtet ist, braucht und will man gar nicht mehr durch sein. Was heißt überhaupt durch sein.
Als ich vor vielen Jahren an Zen-Sesshins eines deutschen Lehrers teilgenommen habe, lief dieser sehr gerne mit dem Stock, dem Kyosaku, im Zendo rum und schlug den Anwesenden immer wieder damit auf die Schultern. Er selbst fühlte sich in seiner Rolle ausgesprochen wohl und machte daraus eine regelrechte Show. Für mich aber, als jemand, die in einer Familie mit viel Gewalt aufgewachsen ist, war das der reinste Horror.
Das könnten Sie nicht mit mir machen. Ich würde sofort aufstehen und gehen. Soweit ich weiß, kommt Zen aus einer sehr autoritären Kultur. Ich bin nicht so bewandert in den buddhistischen Schriften, aber ich glaube trotzdem, dass der Buddha sehr individuelle auf die einzelnen Menschen eingegangen ist. Ich erinnere mich an eine Stelle, bei der es sinngemäß darum ging, dass man manche Dinge manchen Menschen nicht zumuten kann, weil sie ihnen nur schaden. Da habe ich als Ärztin sowieso eine Verantwortung. Wenn ich sehe, dass ich jemandem schade, muss ich es lassen!
Niemals zu schaden, ist seit Jahrtausenden die Devise der Ärzte. Und das habe ich verinnerlicht.
Ich bezweifle, dass ein Meditationslehrer, der nicht traumatisiert ist und sich auch noch nie damit beschäftigt hat, überhaupt eine Idee davon hat, was darunter zu verstehen ist und wie sich ein Betroffener fühlt.
In meinem Seminaren sage ich immer: „Wenn Sie nicht traumatisiert sind, dann danken Sie Gott dafür. Aber bilden Sie sich nicht ein, Sie wüssten was das bedeutet!“ Und dann sage ich ganz streng: „Hören Sie Ihren Patientinnen und Patienten zu! Die wissen es besser!“
Was raten Sie einem glücklichen Meditationslehrer, der gesund ist. Was kann der tun?
Er kann sich bewusstmachen, dass es unglaublich viele traumatisierte Menschen hierzulande gibt. Jede achte Frau ist Opfer sexualisierter Gewalt, mit oftmals dementsprechenden Schäden. Jeder 5. Mann hat Gewalt erlebt. Opfer von Gewalt zählt man hier gar nicht mehr, weil es so Gang und Gäbe ist. Vernachlässigung in frühester Kindheit ist auch eine häufige Ursache für Traumatisierung. In Mitteleuropa wurden und werden immer noch so viele Babys vernachlässigt. Sie haben gar keine sichere Basis in sich. Das ist in Ostasien anders. Da sind die Babys ganz nah bei ihren Müttern oder ihren wichtigsten Bezugspersonen. Solche Beziehungen sind die Basis für uns alle, um ein Stück Urvertrauen zu entwickeln. Das haben aber viele Menschen hier nicht mehr. Das sollte man als westlicher Meditationslehrer wissen und auch, unter welcher Belastung viele Menschen hier stehen. Man sollte also entsprechend behutsam sein, genau hinschauen, welche Dinge daraufhin weisen könnten, ob jemand psychisch labil ist. Und dann kann man auch mal sagen: „Geh du erst einmal zu einem guten Therapeuten, einer kompetenten Therapeutin.“
Vielen Dank für das Interview!
Prof. Dr. Luise Reddemann, (geb.1943) ist Nervenärztin und Psychoanalytikerin sowie Fachärztin für psychotherapeutische Medizin.
Seit gut 50 Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Trauma und Traumafolgestörungen. Sie war langjährige Leiterin der Klinik für Psychotherapie und psychosomatische Medizin des Ev. Johannes-Krankenhauses in Bielefeld und entwickelte dort ein Konzept zur Behandlung von Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen, die »Psychodynamisch imaginative Traumatherapie« (PITT).
Luise Reddemann setzt sich seit Jahren besonders für eine „frauengerechte Psychotherapie“ ein. Seit Juni 2007 ist sie Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und psychologische Medizin an der Universität Klagenfurt.
Seit vielen Jahren übt sie sich in Meditation und hat begonnen, Elemente der buddhistischen Psychologie, wie Achtsamkeit, Mitgefühl und das Konzept eines heilen Kerns („Buddha-Natur“) in ihren therapeutischen Ansatz zu integrieren.
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